Viktor Orbán hat zum ersten Mal die rechten und linken Ungarn vereint, zumindest für wenige Tage. Die Empörung über die netado, also die Internetsteuer, ging quer durch alle politischen Lager. Mit 150 Forint pro begonnenes Gigabyte wollte die Regierung das Internet besteuern, umgerechnet etwa 50 Cent. Zehntausende Ungarn gingen auf die Straße, bewaffnet mit Smartphones. Daraufhin zog die Regierung den Vorschlag vorerst zurück.

Es war nur eine kurze Episode. Und der Versuch, regierungstreue und -kritische Studenten zusammenzubringen, scheitert an unüberwindbaren Widerständen: Gemeinsam in einem Zimmer diskutieren? Das wollen beide Lager nicht, obwohl sie im selben Wohnheim zu Hause sind. Eine politische Debatte, sagt einer, "würde nach fünf Minuten im Streit enden, und das Gespräch wäre vorbei".

Also spricht zuerst Berni. Er ist 23, studiert Maschinenbau in Budapest und wählt die konservative Fidesz-Partei, wie 52 Prozent seiner Landsleute. Berni möchte die jetzige Regierung auch in zehn Jahren noch an der Macht sehen. Mit Orbán? "Mit Orbán." Berni ist überzeugt, dass Ungarn eine stabile, starke Spitze braucht. Zu viel Freiheit sei gefährlich. Eine zu lasche Drogen- und Sicherheitspolitik würde der Ordnung des Landes eindeutig schaden, da fühle er sich nicht mehr wohl. "Wer dreimal hintereinander ein schweres Verbrechen begeht", sagt Berni, "der tut es wieder. Dann soll er lebenslang ins Gefängnis." Außerdem schätzt er Orbáns Familienpolitik, zum Beispiel dass er Mütter dabei unterstütze, nach der Geburt wieder arbeiten zu können.

Nicht im Internet recherchieren, sondern in der Bibliothek

Die internationale Kritik an der Internetsteuer hält der junge Konservative für aufgeblasen. Zwar wünsche er sich keine Gebühren für die Internetnutzung. Aber es gebe Wichtigeres. "Wer recherchieren will, der muss nicht ins Internet, sondern in die Bibliothek", sagt Berni. Bedenklich findet er außerdem, dass die Kinder schon vor der Einschulung auf iPads herumwischten statt Bücher zu lesen. Ob sich durch eine Steuer verhindern ließe, dass Kinder von wohlbetuchten Eltern mit Tablets spielen, bezweifelt er dann doch. "Aber zumindest gäbe es einen bewussteren Umgang mit dem Internet."

Die Kritik der reichen, westeuropäischen EU-Länder an Ungarn nervt Berni. Er verfolgt deutsche Medien. "Die sind von den USA gelenkt", sagt er und nennt die Namen der großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen. Am besten vertreten fühle er sich von der Jungen Freiheit, die sei etwas objektiver. Er möchte in einem Land leben, in dem es klare Regeln gibt. "Ein absolutes Horrorszenario ist für mich das System in Schweden, in dem alles erlaubt und nichts geregelt ist." Fast genauso schlimm sei Rumänien, "die übertreiben es dann doch mit dem Nationalismus." An sich sei Nationalbewusstsein nichts Schlechtes, er fände gut, dass in der Schule mehr Wert darauf gelegt wird als zu sozialistischen Zeiten.

Helme und Schwerter statt Homosexualität und Politik

Gyuri kann damit wie mit der gesamten Politik Orbáns nichts anfangen. "Die Regierung hat eine etwas romantische Sehnsucht nach Helden", sagt er im Kreis seiner Freunde, ein Handvoll Jungs Anfang zwanzig, die in Budapest Jura, Geschichte oder Verkehrswissenschaften studieren – und die seit 2013 nicht mehr ins Nationaltheater gehen. Der liberale Intendant Róbert Alföldi wurde nach dem Willen der Regierung eingetauscht gegen den nationalbewussteren Attila Vidnyánszki. Die Partei wünscht sich Helme, Schwerter und großungarische Epik auf der Bühne, keine Homosexualität, Nacktheit oder kritische Anspielungen auf die Politik der Gegenwart. "Seitdem gehe ich nicht mehr", sagt Gyuris Freund André. "Sowohl aus Protest, aber auch, weil ich keine Lust auf diese langweilige Volkstümelei habe, die Kunst leidet."

Nationales Heldentum ist chic, ein verzögerter Protest gegen ein vermeintlich sozialistisches Establishment und Balsam auf die jahrzehntelang von den Russen kolonialisierte Volksseele. Linkssein gilt unter vielen ungarischen Jugendlichen als so cool wie CDU-Wählen unter deutschen Studenten in Berlin: Geht gar nicht. Viele tragen Halsketten mit dem Turulvogel, den sie als "Urvater" der Ungarn aus der Mythologie kennen. Beliebt sind auch Sticker, Aufnäher und Schmuck in Form der Umrisse des viel beweinten großungarischen Reichs von 1848, das Teile der heutigen Slowakei, Rumäniens, Kroatiens und Polens umfasste. Der kollektive Schmerz ob der verlorenen Gebiete wird nostalgisch gepflegt. Den gekränkten Nationalstolz päppelt jetzt besonders die rechtsradikale Jobbik-Partei auf.