Trotz der anhaltenden Gewalt in Afghanistan endet zum Jahreswechsel der Nato-geführte Isaf-Kampfeinsatz in Afghanistan. Mit einer Zeremonie in Kabul wird der Abschluss des 13-jährigen Nato-Kampfeinsatzes an diesem Sonntag begangen. Zwar bleiben vorerst noch Tausende internationale Soldaten in Afghanistan – aber die zum Jahresbeginn startende kleinere Nachfolgemission Resolute Support zur Ausbildung und Beratung afghanischer Sicherheitskräfte hat keinen Kampfauftrag mehr.   



Die Schutztruppe Isaf hat nach Einschätzung des Vizekommandeurs ihr Ziel erreicht. "Was der Isaf ins Auftragsbuch geschrieben war, ist erfüllt", sagte Bundeswehr-Generalleutnant Carsten Jacobson der Deutschen Presse-Agentur in Kabul. Ursprünglich hatte die Mission nach dem Sturz der radikalislamischen Taliban im Jahr 2001 mit einem Sicherungsauftrag für die Hauptstadt Kabul begonnen, sie weitete sich rasch auf das ganze Land  aus.

Isaf-Ziel sei gewesen, die Bildung einer afghanischen Regierung zu ermöglichen, einheimische Sicherheitskräfte aufzubauen und die Verantwortung an diese zu übergeben, sagte Jacobson. "Dieser Auftrag der Isaf ist zu 100 Prozent erfüllt." Die afghanischen Sicherheitskräfte hätten in den Jahren 2013 und 2014 bewiesen, dass sie taktisch führen, taktisch operieren und gewinnen können.

Ohne Isaf hätte es keine Wahlen gegeben

Jacobson wird künftig auch stellvertretender Kommandeur von Resolute Support sein. An dem Einsatz sollen sich rund 12.000 Soldaten beteiligen, unter ihnen bis zu 850 Deutsche. Die meisten Truppen stellen wie bisher die USA.

Der General sagte, ohne die Isaf wäre auch der Machtwechsel in Afghanistan bei den demokratischen Wahlen nicht möglich gewesen. Der neue Staatschef Aschraf Ghani hatte im September – nach monatelangem Streit um das Ergebnis der Präsidentschaftswahl in Afghanistan – Resolute Support ab Januar 2015 zugestimmt. 

Der Einsatz der Soldaten bei Resolute Support ist nach Sicht der Nato allerdings auch ohne Kampfauftrag riskant. "Afghanistan bleibt ein Land, in dem Krieg geführt wird", sagte Jacobson. "Wir sind einem Umfeld, in dem es weiterhin durchaus passieren kann, dass wir gerade in der Uniform in Situationen kommen, in denen es gefährlich wird."

Die "Todesliste" der Isaf

Kurz vor dem Ende der Mission wurden Informationen bekannt, die kein gutes Licht auf die Nato-Truppen werfen. Am Freitag haben Isaf-Soldaten irrtümlicherweise drei Nomaden in der Provinz Logar südlich der Hauptstadt Kabul getötet, wie der örtliche Polizeichef mitteilte. Zwei weitere Menschen seien bei dem Luftangriff verletzt worden. Die Nato-Kampftruppe habe die bewaffneten Nomaden fälschlicherweise für Aufständische gehalten und sie aus der Luft beschossen. Isaf wollte sich zunächst nicht dazu äußern, kündigte aber eine Stellungnahme an.

Einer der Gründe für diese immer wieder auftretenden Fehleinschätzungen, die schon vielen Zivilisten das Leben gekostet haben, könnte nach Recherchen des Spiegel die "Todesliste" der Nato sein. Bei Geheimoperationen gegen die Taliban bediente sich die Nato demnach einer Liste, auf der zeitweise mehr als 750 Personen erfasst waren. Die Liste, auf deren Basis die westliche Allianz zahlreiche tödliche Einsätze durchgeführt habe, belege, "auf welch dünnen und teils willkürlich anmutenden Grundlagen die Streitkräfte Verdächtige für die gezielten Tötungen nominierten", schreibt das Magazin.

Viele, die sich dem Bericht zufolge auf der "Todesliste" befanden, seien Taliban der mittleren und unteren Ebene gewesen. Manche seien nur auf die Liste geraten, weil sie mit Drogen handelten. Der Krieg gegen den Terror und gegen die Drogen sei in Afghanistan offenbar "faktisch verschmolzen", zitierte der Spiegel Jennifer Gibson von der Menschenrechtsorganisation Reprieve. 

Den Unterlagen zufolge, die zum Teil aus dem Bestand des US-Geheimdienstenthüllers Edward Snowden stammen, nutzten die Nato-Kräfte bei ihrer Zielerfassung unter anderem ein System der Stimmidentifizierung, bei dem es ausreichte, wenn ein Verdächtiger sich in einem überwachten Gespräch einmal namentlich identifizierte. Predator-Drohnen und mit Sensoren ausgerüstete britische Eurofighter hätten dafür die Funksignale am Hindukusch nach bekannten Mobiltelefonnummern abgesucht.

Innerhalb der folgenden 24 Stunden habe diese Stimmenerkennung als "positive Zielidentifizierung" gegolten und damit als Legitimation für einen Luftschlag – dies habe zu Verwechslungen und zum Tod von Zivilisten geführt.