Um sechs Uhr morgens verschickte der Direktor der Hilfsorganisation eine SMS an die Ehefrau des Gefangenen. "Das Warten hat jetzt fast ein Ende", hatte Imtiaz Sooliman laut einem Bericht der New York Times in sein Handy getippt. Sein Mitarbeiter Pierre Korkie war seit 18 Monaten in der Gewalt seiner jemenitischen Geiselnehmer, nach langen Verhandlungen sollte am vergangenen Samstag ein Lösegeld gezahlt werden. 200.000 US-Dollar in bar.

Das Geld wurde am Morgen in Autos verladen, um es bei einem Treffen mit den Geiselnehmern zu übergeben. Um kurz nach acht Uhr morgens erreichte Sooliman ein Anruf: Sein Mitarbeiter Pierre Korkie sei tot.

Was war geschehen? Warum starb der Entwicklungshelfer so kurz vor seiner geplanten Freilassung? Der Grund dafür liegt wohl in der Kollision zweier völlig unterschiedlicher Konzepte, auf Geiselnahmen von Terrororganisationen zu reagieren: Während viele Regierungen die Zahlung von Lösegeld grundsätzlich ablehnen, um nicht erpressbar zu sein, neigen Privatleute oder Hilfsorganisationen dazu, ihre Angehörigen oder Mitarbeiter freizukaufen.

Die Al-Kaida-nahe Gruppe im Jemen hielt außer dem südafrikanischen Entwicklungshelfer Korkie noch den US-Journalisten Luke Somers gefangen. Da auch die US-Regierung einen Freikauf ablehnt, plante sie schon lange eine Befreiungsaktion der US-Geisel – was zum Verhängnis werden sollte.

"Das war nicht Teil unserer Planung"

Bereits in der Nacht vor der SMS von Sooliman an Korkies Ehefrau waren sechs Kommando-Teams der US-Spezialeinheit Navy Seals aufgebrochen, um mit V22 Osprey Transportern, Flugzeugen, die vertikal starten und landen können, das Versteck der Entführer aufzusuchen. Was dann geschah, wurde von der US-Regierung nicht im Detail bekannt gegeben. Kurz nach dem Eintreffen der Navy Seals soll es eine Schießerei zwischen den US-Soldaten und Geiselnehmern gegeben haben. Dabei hätten die Entführer beide Geiseln angeschossen. Korkie und Somers erlagen später ihren Verletzungen.

"Wir wussten vorher nicht, dass es Pläne zur Freilassung einer der Geiseln gegeben hat", sagte ein US-Beamter nach Angaben der New York Times über die gescheiterte Mission. "Das war nicht Teil unserer Planung."

Die Ehefrau des getöteten Entwicklungshelfers, Yolande Korkie, und der Direktor der Hilfsorganisation, Imtiaz Sooliman © Simphiwe Nkwali/Sunday Times/Gallo Images/Getty Images

War südafrikanische Regierung informiert?

Dem Bericht zufolge informierte Soolimans Hilfsorganisation Gift of the Givers die USA nicht über ihre Lösegeldverhandlungen mit Al-Kaida, weil die Gruppe sie davor gewarnt haben soll, irgendjemandem davon zu erzählen. Ob auch die Regierung Südafrikas nicht informiert war, ist bislang unklar. Eine Kooperation mit Gift of the Givers habe es aber durchaus gegeben, teilte die südafrikanische Führung mit, ließ aber offen, ob sie mit den USA über die Lösegeldverhandlungen gesprochen hatte.

Die südafrikanische Opposition fordert eine Aufarbeitung der missglückten Kommandoaktion. Offenbar habe es keine Absprache zwischen den Geheimdiensten in Pretoria und Washington gegeben, sagte der Abgeordnete der Demokratischen Allianz, Stevens Mokgalapa. "Die linke Hand wusste nicht, was die Rechte tat."

Sooliman jedenfalls sei klar gewesen, dass er seinem Mitarbeiter Korkie helfen müsse. Denn anders als zum Beispiel einige europäische Staaten beharrt auch Südafrika auf der Politik, einer Terrororganisation für die Freilassung von Geiseln kein Lösegeld zu zahlen. Deutschland etwa verhält sich anders: Offiziell heißt es zwar immer, dass kein Geld bei Entführungen fließe. Im Hintergrund aber werden Freilassungen auf diese Weise bewirkt. Schließlich autorisiert die Bundesregierung im Regelfall keine militärischen Kommandoaktionen, wie dies US-Präsident Barack Obama auch im Jemen getan hat.

Die Leiche von Pierre Korkie sollte an diesem Montag nach Südafrika überstellt werden. Seine Angehörigen werden die sterblichen Überreste des Mannes an dem Tag in Empfang nehmen, an dem sie ihn eigentlich lebend in seiner Heimat begrüßen wollten.