Die Gräueltaten des "Islamischen Staates" sind unweigerlich mit einem Gesicht verbunden: Abu Bakr al-Bagdadi. Er steht an der Spitze der Terrormiliz, die weite Teile des Irak und Syriens kontrolliert und tyrannisiert. In der irakischen Großstadt Mossul erklärte er sich am 29. Juni zum Kalifen aller Muslime. Zugleich rief der Dschihadistenführer ein Kalifat aus, welches vorerst die vom IS kontrollierten Gebiete in Syrien und dem Irak umfasst.

Unter Al-Bagdadis Führung hat sich der "Islamische Staat" zur wohl mächtigsten, reichsten und brutalsten Dschihadistengruppe der Welt entwickelt. Und damit nicht genug: Ehemalige Kämpfer des IS berichten, Al-Bagdadis Ziele seien noch viel höher gesteckt. Sein Kalifat soll sich eines Tages vom Irak und Syrien über Rom bis hin nach Washington erstrecken.

In der US-amerikanischen Hauptstadt hat man längst begriffen, dass Al-Bagdadi und seine Anhänger lange Zeit unterschätzt wurden. Mittlerweile bombardieren die US-Luftwaffe und ihre Verbündeten – darunter fünf arabische Staaten – den IS im Irak und Syrien täglich. Immerhin ist es damit gelungen, den Vormarsch der Extremisten zu stoppen. Doch schon rechnet man in Washington mit einer auf Jahre angelegten Militäroperation.

Gleichzeitig reisen immer mehr, vor allem junge Menschen, in den Irak und nach Syrien, um den Kampf des IS zu unterstützen. Eine Festnahme des Chefstrategen und Wortführers des IS ist daher unbedingter Bestandteil der US-Strategie im Kampf gegen die Terrormiliz. Zehn Millionen Dollar (acht Millionen Euro) hat die USA für die Festnahme Al-Bagdadis ausgesetzt.

Doch immer wieder verläuft die Suche nach ihm im Sande. Vor zwei Wochen waren sich die Geheimdienste nicht einmal mehr sicher, ob Al-Bagdadi noch am Leben ist. "Wir können nicht bestätigen, dass er getötet oder verwundet wurde", sagte Ben Rhodes, stellvertretender Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama. Zuvor hatte das irakische Innenministerium mitgeteilt, Al-Bagdadi sei bei einem Angriff auf IS-Stellungen im Irak getötet worden. Wenige Tage später löste Al-Bagdadi selbst das Rätsel: In einer für authentisch befundenen Audiobotschaft rief er Muslime in aller Welt zum Heiligen Krieg und zur Tötung von "Abtrünnigen" auf.

Schon einmal wurde Al-Bagdadi für tot erklärt

Schon einmal ist den USA der Fehler unterlaufen, Al-Bagdadi verfrüht für tot zu erklären. Der sunnitische Rebellenführer, der sich nach der US-Invasion im Irak im Frühjahr 2003 dem Aufstand gegen die ausländischen Truppen angeschlossen hatte, wurde später von der US-Armee vorübergehend festgenommen. Im Oktober 2005 meldeten die USA seinen Tod, fünf Jahre später tauchte Al-Bagdadi wieder auf: an der Spitze des irakischen Al-Kaida-Ablegers Islamischer Staat im Irak (ISI).

Den IS oder Al-Bagdadi unterschätzen – das wird den USA kein zweites Mal passieren. Der US-General Martin E. Dempsey hat den IS mittlerweile "als größte Bedrohung in der Geschichte des Landes" bezeichnet. Die US-Geheimdienste unternehmen entsprechend alles, den Anführer der brutalen Terrormiliz zu finden. Es erscheint nur naheliegend, dass sie dabei auch die Frauen und Kinder Al-Bagdadis ausfindig machen wollen.

Über Al-Bagdadis Privatleben ist nur wenig bekannt

Über das Privatleben Al-Bagdadis ist nur wenig bekannt, er lebt zurückgezogen und wird streng bewacht. Unklar ist auch, wie viele Ehefrauen und Kinder er hat. Nach Stammesangaben soll der IS-Anführer drei Ehefrauen haben, zwei Irakerinnen und eine Syrerin. Konservative Auslegungen des Islam erlauben einem Mann, bis zu vier Frauen zu heiraten.

Am Dienstag wurde nun bekannt, dass eine Frau und ein Kind Al-Bagdadis im Libanon festgenommen wurden. Zunächst war von einem Sohn die Rede, später sprach ein hoher Sicherheitsbeamter in Beirut von einer Tochter. Fest steht, dass die beiden bereits vor rund zehn Tagen nahe einem Grenzübergang nach Syrien verhaftet wurden, sagte ein hochrangiger libanesischer Militärangehöriger.