Jesidische und christliche Flüchtlingsfamilien aus dem Irak sammeln in Deutschland Geld, um vom "Islamischen Staat" (IS) verschleppte Familienangehörige freizukaufen. Doch nicht nur die IS-Dschihadisten versuchen, durch Entführungen Geld zu verdienen: Auch Schergen des syrischen Regimes kidnappen Menschen und lassen sie gegen Lösegeld wieder frei. Das haben gemeinsame Recherchen der ZEIT und des ARD-Politmagazins report München ergeben.

So hat die Vertretung der Syrischen Nationalen Koalition in Berlin – die "Botschaft" der syrischen Opposition – mehrere Fälle dokumentiert, in denen Anhänger des Regimes von Präsident Baschar al-Assad unter fadenscheinigen Vorwürfen Menschen in Gefängnisse verschleppt und später gegen die Zahlung von Geld freigelassen haben. Diese Informationen beruhen unter anderem auf Telefoninterviews mit syrischen Flüchtlingsfamilien in Deutschland. Demnach gab es 2012 eine erste große Entführungswelle in der Stadt Homs. Mittlerweile gibt es auch Fälle in Damaskus und anderen Städten. Häufig werden Sunniten aus wohlhabenden Familien gekidnappt, was den Verdacht bekräftigt, dass die Verschleppungen vor allem finanziell motiviert sind.

Ein solcher Fall ereignete sich 2012 in Damaskus. Ein Mann wurde unter dem Vorwurf verhaftet, ein "Revolutionär", also gegen das Regime, zu sein. Sein Vater hatte einen persönlichen Bekannten, der für das Regime arbeitete. Dieser konnte in Erfahrung bringen, dass der Sohn für 130.000 US-Dollar freigekauft werden könne. Der Vater stimmte zu und zahlte, der Sohn kam frei. Nach fünf Wochen wurde der zweite Sohn entführt; dieses Mal wurde etwas mehr als die Hälfte dieser Summe fällig. Die Familie lebt mittlerweile in Deutschland.

In einem zweiten Fall wurde 2013 der einzige Sohn einer Familie verhaftet, weil er an der Universität eine Demonstration angezettelt haben soll. Die Familie erkundigte sich bei einem Anwalt, was man tun könne, der schlug vor, Schergen des Regimes Geld anzubieten. Über den Bruder der Mutter, der für die Regierung tätig war, konnte auch in diesem Fall eine Forderung eingeholt werden, sie betrug knapp 4.000 Euro. Der Sohn kam ebenfalls frei und lebt mittlerweile im Ausland. 

Nicht immer halten die Täter Wort

Keine der betroffenen Familien wollte direkt mit der ZEIT und report München sprechen. "Sie sind traumatisiert und verängstigt", sagt Usahma Darrah von der Syrischen Nationalen Koalition in Berlin. Nach Auskunft der Koalition gibt es regelrechte Freikauf-Büros in Syrien, in denen solche Freikäufe abgewickelt werden können. Es habe womöglich Zehntausende solcher Fälle gegeben. Unklar ist, ob das Regime beziehungsweise die syrische Regierung direkt verwickelt sind oder sie die De-facto-Entführungen lediglich dulden, um den Milizen, Freiwilligen und Schlägertrupps, die das Regime stützen, eine Einnahmequelle zu geben. Nicht immer halten die Täter ihr Wort: Laut den Ermittlungen der Koalition unter syrischen Familien in Deutschland bekam eine Familie lediglich einen Personalausweis zurück, eine zweite nur noch die Leiche ihres Verwandten.

Auch Flüchtlinge aus dem Irak, vor allem Jesiden und Christen, mussten oftmals Verwandte zurücklassen, die verschleppt wurden – in diesem Fall von der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Auch hier wird Geld gesammelt und gezahlt, wie Recherchen von ZEIT und report München bestätigen. Mehr als 5.000 Jesiden soll der IS verschleppt haben; weniger als 100 konnten bislang freigekauft werden – auch Dank der Spenden aus Deutschland.

Das Geld aufzubringen, ist schwer. Die Familien sind in der Regel nicht wohlhabend, auch wenn sie in Deutschland leben. Für Ali und seine Familie lief es gut in Deutschland: Fester Aufenthalt, gute Arbeit, eine schöne Wohnung. Aber am 3. August dieses Jahres verschleppte der IS gleich mehr als 50 Mitglieder aus seiner Sippe in den irakischen Schingal-Bergen, darunter 5 leibliche Geschwister.

Ali, dessen Nachname und Wohnort in Deutschland aus Sicherheitsgründen ungenannt bleiben soll, hat über Monate hinweg selbst gespart und mithilfe der jesidischen Gemeindemitglieder und einer Spendengala 15.000 Euro aufgebracht. Das Geld wurde vor einigen Wochen zusammen mit Hilfsgütern in den Irak gebracht. "51 Mitglieder meiner Familie haben wir so freibekommen", sagt Ali. "Meine leiblichen Geschwister waren leider nicht darunter. Sie sind noch beim IS."