Dem zu einer Bewährungsstrafe verurteilten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny drohen wegen des Verstoßes gegen einen bereits laufenden Hausarrest vorerst keine Konsequenzen. Das sagte die Verteidigerin des russischen Oppositionellen der Agentur Interfax. Ein Moskauer Gericht hatte zuvor einen Haftantrag der Behörden abgelehnt. Eine Entscheidung über den Status des 38-Jährigen könne nur ein Berufungsgericht fällen, hieß es.

Nawalny war am Dienstag zu dreieinhalb Jahren Haft auf Bewährung wegen Unterschlagung verurteilt worden. Anschließend verließ er trotz Hausarrests in einem anderen Fall seine Wohnung, um sich einer Demonstration seiner Anhänger anzuschließen und wurde vorübergehend festgenommen.

Nach seiner Festnahme am Abend brachten Sicherheitskräfte Nawalny wieder nach Hause. "Vier Polizisten stehen vor der Wohnung ... Wasser oder Tee nehmen sie nicht an", twitterte er und fügte ein Foto seiner Bewacher hinzu. 

Nawalnys Anwalt legt Beschwerde ein

Nawalny hat seit Februar 2014 Hausarrest, weil er gegen Bewährungsauflagen aus einer Verurteilung 2013 wegen Veruntreuung verstoßen hatte. Nawalnys Anwalt Wadim Kobsew legte nach dem Urteil vom Dienstag Beschwerde gegen eine Fortsetzung des Hausarrests ein. 

Bei der spontanen, nicht genehmigten Protestaktion der Nawalny-Anhänger im Zentrum von Moskau waren Berichten zufolge rund 250 Menschen festgenommen worden. Die meisten wurden anschließend wieder freigelassen, etwa 70 blieben über Nacht in Gewahrsam. Die meisten von ihnen wurden später entlassen.

Unter den zwischenzeitlich festgenommenen Demonstranten war auch Maria Alechina, ein Mitglied der regierungskritischen Punk-Band Pussy Riot. Auf Twitter veröffentlichte die Musikerin ein Foto, auf dem man den Kreml durch ein vergittertes Fenster sehen kann mit der Überschrift "Der ehrlichste Blick auf den Kreml".

Nach Polizeiangaben waren rund 1.500 Menschen zu der Demonstration gegen das Urteil gekommen. Angekündigt hatten sich im Internet zuvor mehr als 18.000 Menschen. Auch Nawalny-Kritiker waren bei der Kundgebung. Vereinzelt kam es zu kleineren Auseinandersetzungen. Auch die EU und die USA hatten das Gerichtsurteil kritisiert.

In dem umstrittenen Unterschlagungsprozess war auch Nawalnys Bruder Oleg schuldig gesprochen worden. Er muss für dreieinhalb Jahre ins Straflager. Kritiker bezeichneten ihn als Geisel der Behörden, um Druck auf seinen populären Bruder auszuüben. 

Nawalny gilt als einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin. Im September 2013 trat er bei den Bürgermeisterwahlen in Moskau an und holte überraschend rund 27 Prozent der Stimmen. Eine Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2018 gilt wegen seiner Verurteilungen aber als unwahrscheinlich.