Für die australische Regierung war es nur eine Frage der Zeit. Die Terrorgefahr im Land wurde schon vor der Geiselnahme in Sydney als "hoch" eingestuft, auch wenn es keine spezifischen Hinweise auf einen Anschlag oder ein Anschlagsziel gab. Premierminister Tony Abbott sprach aber von Geheimdienst-Informationen, nach denen es in Australien "Menschen mit der Absicht und den Mitteln gebe, Anschläge auszuführen". Der frühere Geheimdienst-Chef David Irvine warnte von einem möglichen Anschlag wie auf der indonesischen Insel Bali vor zwölf Jahren, bei dem mehr als 200 Australier umkamen.

Das Land beschäftigt sich seit Monaten mit der Terrorgefahr durch den "Islamischen Staat": Mindestens 70 Australier sind zuletzt in das Kampfgebiet gereist, um sich den Terroristen anzuschließen; Ende September verkündete Premierminister Tony Abbott in einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat, sein Land werde "äußerst entschlossen" auf den IS-Terror reagieren. Niemand habe das Recht, im Namen Gottes zu töten, sagte er damals. Wenig später gab das Parlament in Canberra seine Zustimmung zu einer Beteiligung am Einsatz der US-geführten Allianz im Irak.

Seitdem kämpft Australien mit mehreren Hundert Elitesoldaten und Flugzeugen gegen den IS. Die Stimmung in der Bevölkerung war bislang geteilt: Nur ein dünne Mehrheit von 54 Prozent der Australier unterstützt die Politik Abbotts, im Irak militärisch einzugreifen. Den Einsatz von Bodentruppen würden nur 39 Prozent der Australier unterstützen, 38 Prozent lehnen einen Truppeneinsatz ab. Umfragen zufolge glauben 57 Prozent der Australier, die Terrorgefahr in ihrem Land habe zugenommen. Nur sechs Prozent meinen, sie sei gesunken.

Vor allem die Rückkehrer aus den Kampfgebieten im Mittleren Osten werden von der Regierung als Gefahr angesehen. Regierungschef Abbott plädierte dafür, Gesetzesbrecher in den Reihen australischer Islamisten in Hochsicherheitsgefängnisse zu bringen. Anfang Dezember erklärte Außenministerin Julie Bishop, Australien werde unbegründete Reisen in die Al-Raqqa-Provinz in Syrien, Zentrum des IS-Gebiets, künftig als Straftat verfolgen. Bereits 85 Pässe seien annulliert oder nicht erneuert worden, um Extremisten an der Reise dorthin zu hindern; Verstöße würden mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft. Alle Australier, die sich dort befinden, hat die Außenministerin zudem aufgerufen, die Region sofort zu verlassen.

Bislang am deutlichsten wurde die Gefahr durch den IS im September: Bei einer groß angelegten Anti-Terror-Razzia in Sydney, Melbourne und Brisbane wurden insgesamt 15 Verdächtige festgenommen. Sie sollen im Auftrag des IS öffentliche Exekutionen auf den Straßen des Landes geplant haben. Zuvor waren bereits mutmaßliche Werber der Terroristen festgenommen worden.

Es ist eine widersprüchliche Entwicklung im Einwanderungsland Australien, zwischen der Offenheit als multikultureller Gesellschaft und wachsenden Spannungen. Knapp zwei Drittel der Australier sind christlich gepräg, der Islam hat wie der Buddhismus zwar nur Anteile zwischen zwei und drei Prozent. Beide Glaubensrichtungen haben aber den größten Zulauf, nicht zuletzt auch unter Australiern mit europäischem Migrationshintergrund.

Die Zahl der rund halbe Millionen Muslime übersteigt inzwischen den Bevölkerungsanteil der australischen Ureinwohner, die Mehrzahl zählt zur islamischen Glaubensrichtung der Sunniten. Deren führende Vertreter haben sich schon vor Wochen hinter den von Abbott ausgerufenen Kampf gegen den Terror gestellt. Die erhöhte Terrorgefahr in Australien sei für ihn "keine Überraschung", sagte etwa Jamal Rifi, denn man habe "einige junge, hitzköpfige Leute" in den eigenen Reihen.

Trotz solcher Bekenntnisse wachsen die Vorbehalte, Ängste und gegenseitige Verdächtigungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen haben zugenommen. Zwar halten nach wie vor 57 Prozent der Menschen Australiens multikulturelle Gesellschaft für positiv, 30 Prozent für negativ. Doch in Folge der Gewalt im Mittleren Osten hat sich die latente Islamophobie zeitweise in regelrechte Islam-Hysterie gewandelt. Laut einer weiteren Umfrage des Instituts Fieldwork vom Oktober bewegt sich die australische Gesellschaft in einer Hinsicht am Abgrund: Fast zwei Drittel der Australier (62 Prozent) meinen, dass Muslime künftig häufiger zum Ziel von Übergriffen werden könnten. Eine Mehrheit der Befragten (51 Prozent) glaubt, dass der Islam mehr als andere Religionen zur Gewalt neigt. Nur 42 Prozent meinen, es sei eine friedliche Religion.