Ein dunkler Tunnel führt in das Tsunami-Museum von Banda Aceh auf der indonesischen Insel Sumatra. Aus 22 Metern Höhe läuft an beiden Seiten der beklemmenden engen Wände Wasser die Wände herunter: So hoch war die Riesenwelle, die am 26. Dezember 2004 die Küste der Provinz Aceh überrollte. An manchen Orten türmte sie sich bis zu 30 Meter auf, so hoch wie drei Kokosnusspalmen.

An jenem Tag starben im größten Tsunami unserer Geschichte 230.000 Menschen in 15 Ländern. Doch am schlimmsten traf es Aceh: Hier kamen mehr als 170.000 Menschen ums Leben. Eine halbe Million Acehnesen verloren ihr Zuhause. Häuser, Straßen, öffentliche Einrichtungen, Wasserversorgung, Strom- und Telefonnetz – alles war kaputt. Die Provinzhauptstadt Banda Aceh war zur Hälfte zerstört, eine Wüste aus Bauschutt, Schrott und Schlamm zog sich von der Küste bis ins Zentrum. "Unser Dorf war einfach weg, selbst die Bäume waren ausgerissen. Nur die Fundamente der Häuser waren noch da", erzählt Ridwan Husin aus Lam Rukam am Stadtrand von Banda Aceh. Der 65-jährige Gemüsehändler hat bei der Katastrophe seine Frau, drei Kinder und einen Enkel verloren. "Überlebt haben nur diejenigen, die gerade nicht zu Hause waren", sagt er.

Heute sind in dem Fischerdörfchen auf den ersten Blick nicht mehr viele Spuren der Katastrophe zu erkennen. In den blühenden Vorgärten stehen Satellitenschüsseln, um die Ecke hat ein moderner Supermarkt aufgemacht. Die frisch bepflanzten Reisfelder in der Umgebung leuchten tiefgrün. Allerdings ist kein Baum höher, als er in zehn Jahren wachsen konnte. Und an jeder Ecke stehen verblassende Schilder mit einem Männchen, das vor einer Welle wegrennt. Darüber die Aufschrift "Jalur Evakuasi" – Evakuationsweg.

Ridwan Husin hat sich einen sauberen Wickelrock und ein besticktes Hemd angezogen. Er will zum Freitagsgebet in die Moschee. Bevor er losgeht, säubert er eine Steinplatte, auf der die Namen seiner verschwundenen Angehörigen eingemeißelt sind. Ansonsten ist ihm kein Andenken an das Leben vor dem Tsunami geblieben. "Die Erinnerung ist hier in meinem Kopf", sagt der hagere Mann. "Bis heute erzählen wir uns gegenseitig unsere Geschichten, immer wieder, das hilft gegen das Vergessen."

Als vor zehn Jahren die Erde bebte, baute Husin gerade seinen Stand auf einem drei Kilometer entfernten Markt auf. Sofort rannte er los, um zu sehen, ob zu Hause alles in Ordnung sei. Doch plötzlich war die Straße voll mit Menschen, die schrien: "Das Wasser steigt, das Wasser steigt!" Er konnte sich auf einen Hügel retten, bevor das Meer kam. Autos, Schiffe und ganze Häuser wurden wie Spielzeug herumgeworfen. Der enorme Sog zog anschließend alles auf den Ozean hinaus.

Nur ein Viertel der 250 Bewohner von Lam Rukam überlebte, darunter vier Frauen. Eine von ihnen ist Husins damals schwangere Tochter Yusnida. Sie konnte mit Mann und Sohn auf dem Moped rechtzeitig vor den Wassermassen fliehen. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn suchte Husin wochenlang in Schlamm und Schutt nach den anderen Angehörigen, auch die Flüchtlingslager klapperten sie ab. Geschlafen haben sie in jener ersten Zeit bei Verwandten in den nahen Bergen. Schließlich gab er auf und stellte fünf Grabsteine auf, die er zufällig gefunden hatte – da, wo einmal sein Haus stand.

Ridwan Husin am Grabstein © Florian Kopp/Bündnis Entwicklung Hilft

Zum Zeitpunkt der Katastrophe herrschte in der Provinz Kriegsrecht. Seit 1985 hatten sich die Bewegung Unabhängiges Aceh (GAM) und das indonesische Militär einen Bürgerkrieg geliefert, die Landzunge im Westen von Banda Aceh galt als Hochburg der GAM. Unmittelbar nach dem Tsunami erreichte die Menschen in Lam Rukam deshalb keine Hilfe: Das Militär umfuhr die Gegend systematisch. Ausländische Hilfsorganisationen wollten sich nicht in den Konflikt einmischen. Nur die Aktivisten der einheimischen Menschenrechtsorganisation Uplink (Urban Poor Linkage) halfen. Als die Kriegsparteien nach internationaler Vermittlung am 15. August 2005 ein Friedensabkommen schlossen, begannen die meisten Hilfsorganisationen erst mit Planungen. Uplink hatte da bereits die ersten von insgesamt 3.500 Häusern gebaut, ausgestattet mit Spendengeld von Misereor

"Hätten wir auf die Hilfe der Regierung gewartet, säßen wir vermutlich heute noch in Hütten", sagt Ridwan Husin. Sein neues Steinhaus steht an der gleichen Stelle wie sein altes. Es ist kleiner als früher, doch eine große Küche hat er nachträglich angebaut. Er lebt dort zusammen mit der Familie seiner Tochter. Die Enkel sind jetzt neun und elf Jahre alt: Tsunamikinder, von denen es nicht viele im Dorf gibt.

Heiraten will Ridwan Husin nicht mehr. Doch er findet es gut, dass andere Überlebende neue Familien gegründet haben. Auch dass immer mehr Leute aus der Stadt nach Lam Rukam ziehen. Das einst isolierte Fischerdorf wandelt sich zum Vorort von Banda Aceh.