Ihr Chefredakteur Ekrem Dumanlı war gerade erst verhaftet worden, da wandten sich die Journalisten schon an die Weltöffentlichkeit. "Gegen den seit Jahren anhaltenden Druck, Einschüchterungen und Schikanen seitens der AKP-Regierung in der Türkei haben wir uns immer mit Mut und journalistischem Pflichtbewusstsein widersetzt und sind stets unserer Arbeit nachgegangen", so die Journalisten der türkischen Tageszeitung Zaman in einer in sieben Sprachen veröffentlichten Pressemitteilung. "Unsere 'Schuld' ist es, über die für die Öffentlichkeit wichtige Korruptionsaffäre und autoritäre Tendenzen der Regierung zu berichten und der Aufdeckung von Tatsachen beigetragen zu haben." 

Stunden zuvor hatten Sicherheitskräfte bei einer landesweiten Razzia 24 Journalisten und angebliche Regierungsgegner festgenommen. Darunter waren Dumanlı, Chefredakteur der Zaman, und der Chef des Fernsehsenders Samanyolu TV, Metin Yıkar – beide Medien gehören zum Imperium des islamischen Predigers Fetullah Gülen.

Wie bei früheren Razzien war die Aktion zuvor durch einen Twitter-Nutzer, der sich Fuat Avni nennt, bekannt gemacht worden. Hinter dem Namen verbirgt sich ein mysteriöser Whistleblower, der regelmäßig Regierungsgeheimnisse veröffentlicht. Stets haben sich seine Ankündigungen bewahrheitet. Diesmal schrieb er, die AKP wolle insgesamt 400 Regierungskritiker festnehmen lassen, darunter 150 Journalisten. Nach der Festnahmewelle twitterte Avni, wegen seiner vorherigen Enthüllung sei der ganz große Coup gegen Kritiker ausgesetzt worden. 

Wer ist dieser Avni? Er selbst twittert über sich, er gehöre zum "inneren Zirkel" der Regierung. Den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nennt er nie beim Namen, er bezeichnet ihn schlicht als "Tyrann".

Der Zeitpunkt der Razzien war kein Zufall, sie erfolgten fast auf den Tag genau ein Jahr nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen zu einem Korruptionsskandal im Umfeld des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschefs Erdoğan eingeleitet hatte. Die Krise begann am 17. Dezember 2013 und war für Erdoğan eine weitaus größere Gefahr als die Gezi-Demonstranten, die er noch im Sommer zuvor niederknüppeln lassen konnte – hinter den Vorwürfen vermutet er die Gülen-Bewegung.

Weit verzweigtes Netzwerk

Gülen ist der einflussreichste Gegner des Präsidenten im türkischen konservativen Lager und der mächtigste Prediger im türkisch-sunnitischen Islam. Obwohl der 73-Jährige seit 1999 im Exil in den USA lebt, ist er allgegenwärtig in der Türkei. Gülen nämlich beherrscht ein weltweites System von Unterstützern und Unternehmen, sein Netzwerk ist kaum zu durchschauen. Seine Anhänger sollen in mehr als 140 Ländern Bildungseinrichtungen gegründet haben, in denen Gülens Ideologie  unterrichtet wird. Seine Weltanschauung verbreitet Gülen im Netz und durch ihm nahestehende Medienhäuser: etwa den Fernsehsender Samanyolu TV, die Nachrichtenagentur Cihan und eben Zaman, die auflagenstärkste Zeitung der Türkei sowie deren englische Ausgabe. Zaman heißt rückwärts gelesen "Namaz", also "Gebet" – für Verschwörungstheoretiker ein Indiz für deren islamistische Ideologie.

Wann und warum genau der Machtkampf zwischen Erdoğan und Gülen begann, ist nicht ganz eindeutig festzustellen. Beobachter mutmaßen, dass Erdoğan sich 2013 mächtig genug fühlte, um sich von seinem langjährigen, aber unkontrollierbaren Verbündeten Gülen endlich loszusagen. Damals gab Erdoğan bekannt, die privaten Schulen abzuschaffen, die für Gülens Bewegung eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Die Situation eskalierte schließlich im Korruptionsskandal, über den die Gülen-Medien trotz Nachrichtensperre seitdem genüßlich berichten. Der alte Mann wird von Millionen Muslime auf der ganzen Welt verehrt, vor einem Konflikt mit der religiösen AKP-Regierung schreckt er nicht zurück.

Erst am Samstag veröffentlichte die  Süddeutsche Zeitung eines der seltenen Interviews mit Gülen, in welchem er kritisierte, die Türkei sei unter Erdoğan zu einem "Ein-Mann-Staat" geworden. Die 2013 eingeleiteten Korruptionsverfahren wurden inzwischen allesamt eingestellt, und jeder, der im Verdacht steht, ein Gülen-Sympathisant zu sein, muss mit drastischen Konsequenzen rechnen. Er werde die Gülen-Anhänger "bis in ihre Schlupfwinkel" verfolgen, sagte Erdoğan kürzlich. Denn es seien Handlanger "böser Mächte im In- und Ausland".

Maximale Vorwürfe

Bisher konnte Erdoğan Gülens globale Medienmacht nicht stoppen. Jetzt aber soll es soweit sein: Dem Zaman-Chefredakteur Dumanlı wird vorgeworfen, eine "Organisationsstruktur" mit dem Ziel aufgebaut zu haben, die Souveränität der Regierung auszuhebeln. Ob es handfeste Beweise für diese Anschuldigungen gibt, ist offen – aber die braucht weder die türkische Regierung noch die Justiz.

Der Journalist Mustafa Balbay von der Tageszeitung Cumhuriyet etwa wurde 2008 ebenfalls inhaftiert und wegen angeblicher Mitgliedschaft der Untergrundorganisation Ergenekon angeklagt , die versucht haben soll, die Regierung zu stürzen. Es konnte nie bewiesen werden, dass Balbay in Putschversuche verwickelt sei, dennoch wurde er zu 34 Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde wieder einkassiert, Balbay kam nach fast fünf Jahren Untersuchungshaft 2013 frei.

Auch Nedim Şener weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Feind die eigene Regierung ist. Der prominente Journalist der Tageszeitung Posta wurde für seine investigativen Recherchen ausgezeichnet – und hat schon mehr als hundert Gerichtsverfahren hinter sich. "Ich habe mich daran gewöhnt", sagt Şener, der auch ein Buch über die Unterwanderung der Justiz durch die Gülen-Bewegung veröffentlichte. 2011 wurde auch ihm vorgeworfen, Mitglied des nationalistischen Netzwerks Ergenekon zu sein. Erst ein Jahr später kam er wieder frei. "Die Regierung macht all das, um uns einzuschüchtern", sagt Şener. "Die Haftzeit war für meine Familie die Hölle, aber ich schreibe weiter."

Ähnlich kämpferisch zeigen sich die Journalisten der Zaman: "Unseren verehrten Lesern, dem türkischen Volk und der ganzen Welt versichern wir, dass wir uns auf keinen Fall der Angst und der Tyrannei beugen werden", schreiben sie. Und enden mit den Worten: "Wir sind der vollen Überzeugung, dass dieses dunkle Kapitel der türkische Demokratie eines Tages vorüber sein und die Türkei die Pressefreiheit in vollem Umfang erlangen und sich in eine fortschrittliche Demokratie verwandeln wird." Chefredakteur Dumanlı versprach im Gefängnis, "wir werden uns vor dem Unrecht nicht beugen."