Jochen Bittner, 41, ist Politik-Redakteur der ZEIT.

Ich weiß natürlich nicht, für wie viele Ostdeutsche eine Leserbriefschreiberin gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht, aber es würde mich wirklich interessieren. "Die Sympathie vieler Ostdeutscher für Putin", schreibt die Frau aus Meißen, "resultiert nicht daraus, dass sie kein Gefühl für Freiheit und Demokratie haben, sondern daraus, dass sie dieses Gefühl wegen ihrer traumatischen Erfahrungen besonders stark haben."

Als ein Beispiel von Freiheit und Demokratie nennt sie die "Wiedervereinigung" der Krim mit Russland, für die immerhin 96,8 Prozent der Krimbewohner gestimmt hätten. "Die Wiedervereinigung der Russen war demokratischer als die unsrige, es war keine Annexion." Die Ostdeutschen seien nicht gegen den Westen, sondern lediglich gegen "Selbstgerechtigkeit und einseitige Sichtweisen, gleich, ob in Ost oder West".

Es gibt eine Menge (nur nicht, aber besonders) ostdeutsche Wut in letzter Zeit, die mit der Vermutung selbstgerechter Sichtweisen zu tun hat. Die neuen Montagsdemonstrationen. Pediga-Aufmärsche. Flammende Kritik an "Mainstream"-Medien. Wachsendes Misstrauen gegen politische Eliten, insbesondere wegen angeblicher "Kriegshetze" gegen Russland.

Als Journalist fragt man sich gelegentlich, ob man tatsächlich an den Empfangsfrequenzen vieler Ostdeutscher vorbei sendet, und woran das liegt. Einen wütenden Leser, der sein ZEIT-Abo kündigen wollte, rief ich an, um zu erfahren, was ihn denn eigentlich so auf die Palme bringe. Er sei, antwortete er mir durchaus leidenschaftlich, doch nicht 1989 auf die Straße gegangen, um jetzt schon wieder mit einer völlig einseitigen Weltsicht berieselt zu werden. Als Ostdeutscher habe er nun einmal eine "besondere Antenne" dafür, wann Medien und Politiker begännen, "gleichgeschaltet" zu reden.

Zu dem Eindruck, Medien und Politik unterlägen gegenüber Russland einer grundsätzlichen Fehleinschätzung, trägt sicher auch die Tatsache bei, dass in den vergangenen 25 Jahren viele (westdeutsche) Journalisten zu wenig Gespür für die Biografien und das Lebensgefühl ihrer (ostdeutschen) Leser mitgebracht haben. Wenn die Gegenwartsanalyse dieser Schreiberlinge schon für die Post-DDR danebenging, warum sollte sie heute für die Post-Sowjetunionen treffsicherer ausfallen?

Gute Frage. Aber mit dieser Ableitung alleine, ist, denke ich, die deutsch-deutsche Entfremdung, die wir gerade über die Russland-Ukraine-Krise erleben, nicht zu erklären.

Putin setzt genau auf diese Gleichsetzung des Ungleichen

Gegenfrage: Ist es möglich, dass viele Ostdeutsche gerade zwei Dinge verwechseln? Skepsis gegen Dogmen, Ideologien und bequemen Gewissheiten ist immer gut, egal, ob die von links, rechts oder aus der Mitte kommen. Man sollte diese Skepsis allerdings nicht durcheinanderbringen mit der Infragestellung von vitalen gesellschaftlichen Errungenschaften und hart erkämpften Rechts- und Wertegrundsätzen. Genau auf diese Gleichsetzung des Ungleichen setzt Putin. Er ist ein geschickter Alles-Relativierer, der westliche Überzeugungen als ebenso willkürliche Konstrukte verkauft wie andere Gesellschaftsideen. Das sind sie aber nicht. Die durch nur eine antagonistische Lehre entstandene Weltsicht eines Honecker ist eben keineswegs vergleichbar mit den durch viele Lehren gewonnenen Positionen eines demokratisch sozialisierten Politikers, auch wenn beide ihre Positionen mit Verve vertreten.

Ja, absolut, zu Demokratie und Freiheitlichkeit gehört es, die eigene Position immer und immer wieder zu prüfen, am besten entlang der jeweils stärksten Argumente der Gegenseite. Aber zu dieser Prüfung gehört am Ende eben auch, nicht jede Relativierung mitzumachen – etwa die von Grundrechten, demokratischen Verfassungen oder völkerrechtlichen Garantien. Genau darin besteht der Unterschied zwischen Skepsis und Verunsicherung. Anders gesagt, in den Worten des Pulitzer-Preisträgers David Johnston: "Wenn jemand behauptet, die Erde sei eine Scheibe, dann kann das Fazit nicht sein, dass die Form der Erde nach wie vor umstritten ist."

Deswegen hat mein Verständnis für die derzeitige Medien- und Politikwahrnehmung "vieler Ostdeutscher" (Leserbrief-Autorin) offen gesagt Grenzen. Warum gehört die Sympathie gerade ehemaliger DDR-Bürger nicht viel deutlicher den Maidan-Demonstranten, die tatsächlich für etwas sehr Ähnliches gekämpft haben, für das auch die 89er auf die Straße gegangen sind: Den Sturz eines selbstverliebten, egoistischen, korrupten Regimes, das ein Land ausplünderte? Warum entschuldigen sie die Völkerrechtsbrüche Putins mit der Tatsache, dass auch die Vereinigten Staaten das Völkerrecht verletzten? Warum bringt sie die Medien-Steuerung und die Propaganda des Kreml, die ganz nach Kalter-Kriegs-Mustern abläuft, nicht auf die Palme? Wie wütend wären sie gewesen, wenn Gorbatschow die Montagsdemonstranten 1989 als "Faschisten" verunglimpft hätte? Wo bleibt die Solidarität mit denen, die heute auf diese Weise diffamiert werden?

Sie, liebe Leserbrief-Autorin, vergessen etwas Wesentliches, wenn Sie sagen, die "Wiedervereinigung" der Krim mit Russland gehe in Ordnung, weil Russland nicht an die ukrainische Verfassung gebunden sei. Auch Russland ist ans Völkerrecht gebunden. Und das verbietet den Raub von Territorium aus fremden Staaten. Und das ist keine willkürliche Norm, sondern die Jahrhunderte alte Lehre aus einem 30-jährigen Krieg, in dem Europa sich einmal fast gegenseitig aufgefressen hätte.