Was genau in der zweiten Augusthälfte hier passierte, zeigt ein Dokumentarfilm der ARD eindrücklich. Es ist aber immer noch Anlass für Spekulationen. Ukrainische Truppen, vor allem Freiwilligenbataillone, die Teile von Ilowajsk erobert hatten, wurden von prorussischen Kämpfern, die Unterstützung aus Russland hatten, eingekesselt. Trotz verzweifelter Rufe erhielten sie keine Verstärkung. Ein mit den Separatisten verhandelter Abzug über einen humanitären Korridor am 29. August erwies sich als tödliche Falle: Etwa 70 ukrainische Militärfahrzeuge gerieten unter Beschuss, viele Soldaten wurden getötet, Überlebende wurden als Kriegsgefangene genommen. Im "Kessel von Ilowajsk" starben offiziell 214 Menschen auf ukrainischer Seite. Doch Semen Sementschenko, Kommandant des Donbass-Bataillons, der auch in Ilowajsk verwundet wurde, spricht von 1.000 Toten. Das ukrainische Parlament hat eine Untersuchungskommission eingerichtet, die die Ereignisse aufklären soll. In einem vorläufigen Bericht deutete die Rada die fehlende Koordination der Militärführung als Mitgrund für die von vielen Ukrainern so genannte "Tragödie von Ilowajsk".


In Ilowajsk sind die Spuren des Kampfes noch immer allgegenwärtig: Häuser ohne Dächer, Blechzäune sind von Einschlägen durchlöchert, in Wohnblöcken klaffen riesige Löcher. Am Bahnhof stehen zerborstene Eisenbahnwaggons. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Im Zentrum gibt der Fonds des Donezker Oligarchen Rinat Achmetow Essenspakete für bedürftige Familien aus. Keine internationalen Organisationen, keine Hilfstransporte aus Russland haben es bisher nach Ilowajsk geschafft. Die Bewohner sind sich selbst überlassen. Manche haben neue Fenster eingebaut, andere, die weniger Geld haben, Plastik über die Rahmen gespannt. "Jeder versucht, sich selbst zu helfen", sagt eine Bewohnerin.

Andrej Andrejewitsch hat aufgehört, sich Fragen zu stellen. Waren es die Separatisten, die sein Haus beschossen haben? Er weiß es nicht, er saß in einem Bunker. Wann wurde es getroffen? Es muss irgendwann zwischen dem 26. und 28. August gewesen sein, glaubt er. "Denn danach wurden wir befreit." Befreit durch die Kämpfer der Donezker Volksrepublik. Da stand sein Haus schon nicht mehr. Die Suche nach dem Schuldigen hat er aufgegeben. "Was nützt mir das?", fragt er.

Jetzt wohnt der Schweißer mit seiner Frau und dem zweijährigen Kind, seinen Eltern und seiner Großmutter zur Miete in einem anderen Haus, einem, das die Kämpfe um Ilowajsk überstanden hat. Jeden Morgen geht er an seinen Arbeitsplatz, das zerstörte Eisenbahndepot, und versucht es mit seinen Kollegen wieder instand zu setzen, damit sie dort wieder arbeiten können. "Auch Moskau wurde nicht auf einmal erbaut", sagt er.