Vor drei Wochen hat die neue Mission der Nato ihren Dienst in Afghanistan offiziell begonnen. Resolute Support ist mit etwa 13.000 Soldaten sehr viel kleiner als ihre Vorgängerin Isaf, die bis zu 132.000 Angehörige hatte. Anders als Isaf soll Resolute Support nicht selbst in Kämpfe eingreifen, sondern lediglich die Spitzen der Afghanischen Nationalen Sicherheitskräfte ausbilden, anleiten und unterstützen. Der Mission liegt die Annahme zugrunde, dass die afghanischen Sicherheitskräfte bereits wie moderne Organisationen funktionieren: Dass sie ihrer formalen Struktur entsprechend handeln und ihre Vertreter zuvorderst das offizielle Organisationsziel verfolgen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Resolute Support ist damit wenig erfolgversprechend.

Die Sicherheitskräfte sind von einer politischen Ökonomie geprägt, die sich an zwei Punkten besonders deutlich zeigt: Zum einen bereichern sich ihre Verantwortlichen an den zur Verfügung stehenden Mitteln, zum anderen sind sie unmittelbar in das politische Patronagesystem Afghanistans eingebettet. Signifikante Teile des Führungspersonals aller Teile der Sicherheitskräfte, also der Afghanischen Nationalarmee, der Afghanischen Nationalpolizei und des Geheimdienstes, veruntreuen größere Mengen der von den internationalen Unterstützern bereitgestellten Versorgungsgüter und des sonstigen Materials. Auch bereichern sie sich an den ebenfalls von Gebern finanzierten Gehältern ihrer Untergebenen. Teilweise existieren diese sogar nur auf dem Papier. All das belegen die regelmäßigen Berichte des Rechnungsprüfers des US-amerikanischen Afghanistan-Engagements, des Special Investigator General for Afghanistan Reconstruction (Sigar).

Insbesondere die Nationalpolizei kassiert oftmals unrechtmäßig Gelder bei Straßenkontrollen, auf den untersten Ebenen auch wegen ihres geringen, teilweise noch von Vorgesetzten reduzierten Soldes. Hinzu kommen, mitunter auch durch den Geheimdienst, Schutzgelderpressungen oder sogar Entführungen. Die Soldaten der Nationalarmee hingegen sind offenbar seltener hieran beteiligt, was daran liegen dürfte, dass sie durch ihren Dienst in stets von Aufständischen bedrohten Kasernen und Außenposten stärker von der Bevölkerung abgeschottet sind.

Vor allem das Führungspersonal ist in den Sicherheitskräften Teil eines den gesamten afghanischen Staatsapparat umfassenden Patronagesystems. Versuche der internationalen Geber, schon zu Beginn des afghanischen Staatsaufbaus einen leistungsorientierten Auswahlprozess bei der Vergabe von Posten durchzusetzen, waren bestenfalls teilweise erfolgreich. Auch wenn es häufiger professionelle Polizeioffiziere gibt als früher, ist insbesondere die Stellenbesetzung bei der Nationalpolizei stark von den lokalen Machtverhältnissen abhängig. Posten können vielfach gekauft werden – eine Investition, die sich angesichts der unrechtmäßig kassierten Gelder bezahlt macht. Daneben vergeben einflussreiche Akteure Ämter in den Sicherheitskräften auch, um Unterstützernetzwerke aufzubauen. So sind Fraktionen entstanden, die um politischen Einfluss und den Zugriff auf Ressourcen konkurrieren.

Ausbildung wird die Korruption nicht beseitigen

Größere Teile der Sicherheitskräfte sind nur noch wenig motiviert, gegen die Aufständischen zu kämpfen. Offenbar auch, weil das Ringen um politischen Einfluss und die persönliche Bereicherung den Ton angeben. Dies legen die immer zahlreicheren Berichte über informelle Waffenstillstände nahe, die etwa Verbände der Nationalarmee mit den Aufständischen schließen. Rund 70 Prozent der Verluste in den Sicherheitskräften gehen zudem nicht auf Tote und Verwundete zurück. So machen laut US Department of Defense Soldaten, die ihren Vertrag nicht verlängern, etwa ein Drittel der Verluste aus. Andere desertieren schon vorher.

Auch die Verantwortlichen von Resolute Support haben viele Defizite bei den Sicherheitskräften erkannt: Vor allem in den Bereichen Logistik, Rechenschaftslegung, Nachrichtenwesen und bei der Kooperation zwischen Nationalarmee, Nationalpolizei und Geheimdienst sowie einzelnen Verbänden. Sie gehen davon aus, dass man es zuallererst mit "technischen" Problemen zu tun hat, die in den mangelnden Fähigkeiten der Soldaten, Polizisten und Geheimdienstler begründet sind. Dem will man beikommen, indem die Führungsspitzen geschult und unterstützt werden. Ohne Zweifel gibt es hier Nachholbedarf.

Allerdings wird die Hauptursache der Probleme völlig vernachlässigt. So sind es etwa nicht in erster Linie Organisationsprobleme, die zu logistischen Problemen führen, sondern die Veruntreuung von Versorgungsgütern. Probleme im Nachrichtenwesen und bei der Kooperation im Allgemeinen gehen auf die Konkurrenz der Fraktionen in den Sicherheitskräften zurück. Ausbildung wird diese Probleme nicht beseitigen können.

Es ist somit nicht zu erwarten, dass Resolute Support mit dem jetzigen Mandat erfolgreich sein wird. Sinnvoller erscheint es, Kommandeure größerer bewaffneter Gruppen vor breitflächiger Gewalt im Maßstab der 1990er Jahre abzuschrecken, wie es die Isaf 13 Jahre lang überwiegend vermochte. Es wäre hingegen Aufgabe der afghanischen Staatsspitzen, gegenüber der Führung der Sicherheitskräfte durchzugreifen und insbesondere die Bereicherung zu sanktionieren. Der gegenwärtigen Regierung der nationalen Einheit dürfte das jedoch schwerfallen, denn ihre beiden Lager sind jeweils auf Unterstützung in allen staatlichen Institutionen angewiesen. Diese werden sie kaum gefährden wollen.

Philipp Münch forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu Afghanistan. Die Stiftung berät Bundestag und Bundesregierung in allen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Der Text ist auch auf der SWP-Homepage in der Rubrik "Kurz gesagt" veröffentlicht worden.