"Wenn es euch hier nicht gefällt, haut einfach ab." Ahmed Aboutaleb (53), Bürgermeister von Rotterdam, war deutlich in seiner Reaktion auf die Anschläge von Islamisten in Paris. "Hier steht ein wütender Muslim!", sagte der Sozialdemokrat marokkanischer Abstammung im Fernsehen an die Adresse niederländischer Dschihadisten. "Wenn ihr die Freiheit nicht wollt, packt eure Koffer und geht."

Das war der Aboutaleb, wie die Niederländer und vor allem die Rotterdamer ihn kennen: streng, kompromisslos, aus dem Herzen sprechend. Der Bürgermeister, Kind aus einer Gastarbeiterfamilie und gläubiger Muslim, bekam viel Lob für seine klaren Worte, nicht nur in den Niederlanden, auch international. Boris Johnson, der Bürgermeister von London, nannte Aboutaleb my hero – meinen Helden: "Er ist die Stimme der Vernunft, die Stimme Voltaires." Nur einige Kritiker brachten vor, wenn Aboutaleb die Dschihadisten ungehindert "abhauen" lasse gen "Islamischen Staat", dann bestehe die Möglichkeit, dass sie im Krieg mit dem Westen niederländische Soldaten töteten.

Ahmed Aboutaleb, finden viele Holländer, ist ein Geschenk für die Niederlande und für Rotterdam, diese moderne, ein bisschen raue Hafenstadt mit ihren 600.000 Bürgern, die sich selbst gern wahrnehmen als fleißig, unprätentiös und ehrlich – ganz anders als "die in 020", womit Amsterdam gemeint ist. 020 ist die Vorwahl der niederländischen Hauptstadt. Das Klublied des Rotterdamer Fußballvereins Feyenoord – immer Outsider, oft Verlierer, aber manchmal auch Gewinner – lautet nicht umsonst: "Nicht Worte, sondern Taten."

Dann bekommst du hier alle Chancen

Aboutaleb stammt aus dem Dorf Beni Sidel im Rif-Gebirge im Norden Marokkos, wo er bis zu seinem 15. Lebensjahr lebte. Seine Mutter war Analphabetin, er wohnte mit einem Bruder und fünf Schwestern im kleinen Haus seines Großvaters, der Vater war zum Arbeiten in Den Haag und kam nur im Sommer nach Marokko, um die Familie zu besuchen. Als der Großvater 1976 starb, zog Aboutaleb in die Niederlande.

Dort hat er sich mit Intellekt und Eifer alles selbst erarbeitet: Ein langer Bildungsweg führte ihn von der Lagere Technische School, der Unterstufe des niederländischen Bildungssystems, in den Journalismus. Er wurde Direktor des Instituts für Multikulturelle Entwicklung Forum, die Politik wurde auf ihn aufmerksam. Ein Flirt mit der LPF, der rechtspopulistischen Partei des 2002 ermordeten Soziologen und Publizisten Pim Fortuyn scheiterte. Bei der PvdA, den niederländischen Sozialdemokraten, fand Aboutaleb mit seinem Weltbild und seinen emanzipatorischen Idealen schließlich ein Zuhause.

Zu rechts finden die Genossen ihren Ahmed oft. Zum Beispiel wenn er wieder einmal wie ein Oberlehrer streng zu Allochtonen spricht, wie Immigranten in den Niederlanden genannt werden: Sie sollten aufhören, sich zu beklagen, stattdessen die Sprache lernen, ihre Kinder in die Schule schicken und hart arbeiten, so wie er es getan hat. Dann bekämen sie hier alle Chancen.

Als Beigeordneter in Amsterdam gewann Aboutaleb national an Statur, als er die Stadt beruhigte, nachdem der umstrittene Filmemacher Theo van Gogh vom marokkanischstämmigen islamischen Fundamentalisten Mohammed Bouyeri im November 2004 ermordet worden war. In einer Moschee sagte er: "Für die, die die Kernwerte des Westens nicht unterschreiben, ist hier kein Platz."

"Die Stadt brauchte mich damals", sagte Aboutaleb der Wochenzeitung Elsevier, die ihn 2014 zum Niederländer des Jahres wählte. Immer, wenn es schwierig wird – und gefährlich –, übertrifft Aboutaleb sich selbst. Nicht ohne negative Folgen: Er bekam Morddrohungen und musste in einem safe house untergebracht werden.