Es sind keine strahlenden, keine zuversichtlichen Gesichter, die da auf der Bühne zu sehen sind. Es ist Donnerstagnachmittag in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, und die wichtigsten Funktions- und Amtsträger der regierenden Partei PJ vom Regierungsbündnis Frente para la Victoria zeigen mit ernsten Minen demonstrative Geschlossenheit. Nur die, um die es eigentlich geht, fehlt: Cristina Kirchner, Argentiniens Staatspräsidentin, ist wie so oft in den vergangenen Jahren unsichtbar.

Die Witwe und Nachfolgerin von Nestor Kirchner, die seit knapp acht Jahren das südamerikanische Land regiert, lässt lieber für sich sprechen. Für alles andere gibt es Twitter und Facebook. Einer der wichtigsten Peronisten, Jorge Landau, verkündet unterdessen die Kampfansage an all jene, die in den vergangenen Tagen das Undenkbare gedacht, ausgesprochen oder aufgeschrieben haben. "Wir fordern ein Ende der Lügen, der Verleumdung und der Diffamierung", liest Landau vom Blatt ab. Nationale und internationale Gruppen sowie Medien, Richter und Staatsanwälte mit oppositioneller Haltung hätten den Fall des tot aufgefundenen Staatsanwaltes Alberto Nisman zu einem Komplott benutzt, um die Regierung zu destabilisieren, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Parteispitze. Kirchner hatte zuvor behauptet, Nisman sei lebend benutzt und dann tot gebraucht geworden. Jetzt versucht die Regierung ihrerseits, den toten Nisman für sich zu vereinnahmen.

Damit ist die Kampflinie abgesteckt. Ein paar Tage lang irrte Cristina Kirchner orientierungslos durch das Meer an Gerüchten, Indizien, Vermutungen und Verdächtigungen, in dem ihr Ruf unterzugehen drohte. Jetzt ist der kampferprobten Linkspopulistin klar, was auf dem Spiel steht. Der mysteriöse Tod des Sonderermittlers Nisman hat das Potenzial, die zwölf Jahre andauernde Ära der Familie Kirchner in den Abgrund zu reißen und für die Zukunft nachhaltig zu beschädigen. Kirchners politisches Erbe und damit auch ihre Erben sind in Gefahr. Umso geschlossener rücken sie zusammen.

Die Justiz zog immer den Kürzeren

Die Faktenlage ist unübersichtlich. Nichts spricht für, nichts spricht gegen die Präsidentin. Zurzeit regieren die Spekulationen. Einen Teil der argentinischen Öffentlichkeit treibt das unheimliche Gefühl um, Kirchner könne in dem Politthriller um Nisman ihre Finger im Spiel haben. Es sind Tausende, die deswegen auf der Straße ihrem Unmut Luft machen. An Korruptionsskandale und -vorwürfe sind die Argentinier gewöhnt. Auch daran, dass die Justiz gegen den Kirchner-Clan fast immer den Kürzeren zog, wenn es darum ging, diese Vorwürfe zu untersuchen. Zu lang war Cristinas Arm aus dem Präsidentenpalast – so lang, dass so mancher Jurist während Ermittlungsversuchen gegen Regierungskorruption seines Amtes enthoben oder versetzt wurde.

Ein möglicher Mord an einem Sonderermittler aber ist etwas anderes, eine neue Qualität an Kriminalität, die Angst macht. In den ersten Umfragen stellt das Wahlvolk der Regierung ein bemerkenswertes Misstrauensvotum aus: Mehr als die Hälfte der Argentinier glaubt, dass die Regierung in den Todesfall verwickelt ist. Das ist eine schallende Ohrfeige.

Verantwortlich ist Kirchner selbst: Ihre schnelle und klare Festlegung auf einen Selbstmord hat viele Argentinier aufhorchen lassen. Kirchner, von Nisman immerhin beschuldigt, die Hintermänner des schlimmsten Bombenattentats der argentinischen Geschichte vor Strafverfolgung zu schützen, hätte ein Selbstmord eines verzweifelten Staatsanwaltes in die Karten gespielt. Entsprechend lautete ihre erste Aussage: "Was war es, das einen Menschen zu der furchtbaren Entscheidung bringt, aus dem Leben zu scheiden?"

Wahrheitsfindung im Präsidentenwahlkampf

Doch an der Basis und in den Medien wurden Zweifel laut. Zweifel, die Kirchner gefährlich werden. Ihre plötzliche Kehrtwende läutet nun eine neue Phase des Falles ein, der längst zu einem Glaubenskrieg geworden ist. Die Präsidentin will sich von den bösen Gerüchten nicht weiter treiben lassen. Stattdessen erklärt sie Nisman zu einem Mordopfer. Dafür hat sie keine Beweise, wie sie öffentlich eingesteht, aber das haben die Anhänger eines Auftragsmordes durch die Regierung eben auch nicht.

Kirchner eröffnet eine neue Front. Die Urheber werden nun in nicht näher erläuterten nationalen und internationalen Gruppen gesucht, das schafft Zeit und Raum für Verschwörungstheorien. Zugleich droht damit die Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung des Landes noch weiter voranschreiten. Es drohen venezolanische Verhältnisse. Argentiniens Präsidentschaftswahlkampf hat bereits begonnen. Es dürften bis zum Oktober dramatische und emotionale Monate werden. Ob das alles allerdings der Wahrheitsfindung im Fall Nisman dienst, ist eine ganz andere Frage.