Es sind die Bilder, die verstörend wirken: Schwer bewaffnete Soldaten in Uniform und kugelsicheren Westen patrouillieren im jüdischen Viertel von Antwerpen, im Hintergrund sieht man fromme Chassidim in Sabbat-Kleidung auf dem Weg zur Synagoge. Seit den Anti-Terror-Razzien von Verviers und Brüssel hat in Belgien nicht nur die Bedrohung ein Gesicht. Auch die hauptsächlich Bedrohten sind klar zu erkennen. Zwar galt der offenbar verhinderte Anschlag wohl Polizeibeamten. Besonders im Fokus aber stehen Belgiens Juden.

Am Tag nach dem vereitelten Anschlag blieben jüdische Schulen in Brüssel und Antwerpen geschlossen. In diesen beiden Städten leben die größten jüdischen Gemeinden des Landes. In der Hauptstadt gehören sie mehr zu liberalen Strömungen, während sie in Antwerpen orthodox geprägt sind. Das Viertel zwischen Bahnhof und Stadtpark dort wird als eines der letzten "Schtetl" Europas bezeichnet. In den Straßen sieht man viele Juden mit Schläfenlocken und traditioneller Kleidung.

Als die Schulen in Antwerpen wieder öffneten, berichtete die lokale jüdische Wochenzeitung Joods Actueel, blickten viele Kinder kaum auf, als sie erstmals an Soldaten vorbei zum Unterricht gingen. Denn wer dort im jüdischen Viertel aufwächst, tut dies schon immer unter den Augen von Kameras und Polizeipatrouillen.

 "Wir sind einiges gewöhnt", sagt Aaron Malinsky, der in dem Viertel geboren wurde und heute Rabbiner und Dozent an der Antwerpener Universität ist. Längst habe man sich eingerichtet mit Mahnungen wie "Vorbeugen ist besser als Heilen", die hier ihre eigene beklemmende Dringlichkeit haben. Deshalb sei es auch nicht so, dass das öffentliche Leben nun stillsteht. Die Läden sind auf, die Synagogen ebenfalls. Nur, dass die Kinder eben die Schulgebäude nur noch verlassen, wenn es nicht anders geht.

Und dass eben jetzt "überall Soldaten sind", wie der Rabbiner sagt. Dennoch beschreibt er das Leben im Viertel als "ziemlich normal." Wie muss es in einem bestellt sein und was muss man alles schon erlebt haben, wenn man das Leben unter solchen Umständen als "ziemlich normal" empfindet?

Antijüdische Proteste

Gewarnt ist man in Antwerpen allerdings schon spätestens seit Oktober 1981. Damals starben bei einem Autobomben-Anschlag auf eine Synagoge im Diamantenviertel drei Menschen, mehr als 60 wurden verletzt. Es blieb ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Aaron Malinsky, Anfang 40, erinnert sich, dass damals zum ersten und bis vorige Woche einzigen Mal die Schulen geschlossen blieben. Die Gegend wurde danach zur Hochsicherheitszone, mit Schlagbäumen, bewaffneten Polizisten und Parkverboten.

In den vergangenen Jahren veränderte sich die Sicherheits- und Bedrohungslage in dem Viertel abhängig vom Nahostkonflikt. Wie in zahlreichen anderen Städten Europas bekamen propalästinensische Demonstrationen einen zunehmend antijüdischen Charakter, mit dem Unterschied, dass mögliche Attentatsopfer ganz in der Nähe und gut sichtbar waren. In der belgischen Bevölkerung wurde zwar wahrgenommen, dass sie zu Zielscheiben wurden. Dennoch gewöhnten sich die Menschen daran, dass Antwerpens Juden quasi als Blitzableiter für den Unmut über die israelische Regierungspolitik dienten.