Der Einsatz im Zentrum von Verviers begann am frühen Abend. Als die belgischen Spezialkräfte in das Haus der Dschihadisten eindringen wollten, wurde sofort auf sie geschossen. Mit automatischen Waffen und Kalaschnikows. "Kriegswaffen", sagte später Eric Van Der Sypt, ein Sprecher der belgischen Staatsanwaltschaft.

Gefahr in Verzug: Es sei alles nur eine Frage von Stunden gewesen, erklärte Van Der Sypt, dann hätten die mutmaßlichen Terroristen zugeschlagen. Die aus Syrien zurückgekehrten Kämpfer hätten einen Anschlag auf Polizisten oder eine Polizeiwache geplant. Seit Monaten. Am Ende des Sondereinsatzes meldeten die Sicherheitskräfte: Zwei Verdächtige wurden getötet, ein dritter verletzt. Es gab etliche Festnahmen. Zehn Häuser wurden durchsucht, es gab Razzien auch in Brüssel und anderen Orten nahe der Hauptstadt. Molenbeek, Scharbeek und Vilvoorde sind in Belgien bekannt als Zentren von Dschihadisten. Paris und Verviers, gibt es eine Verbindung? Das schlossen die Ermittler nach bisherigen Erkenntnissen aus.

Jedoch allein aus Verviers, einer Stadt mit etwa 55.000 Einwohnern, sollen etwa zehn Menschen zu islamistischen Kämpfern geworden sein. Einige von ihnen seien in jüngster Zeit zurückgekehrt. Belgischen Medien zufolge hat ein radikaler Imam, der inzwischen nicht mehr in der örtlichen Moschee tätig ist, junge Muslime als Kämpfer für Syrien rekrutiert. 

Belgien als Terrorziel

Es ist nicht das erste Mal, dass Belgien auf der Karte des islamistischen Terrors auftaucht. Der tödliche Anschlag im Jüdischen Museum von Brüssel im Mai wurde ebenfalls von einem Syrien-Rückkehrer begangen. In Charleroi nahe der französischen Grenze sagte am Dienstag ein Mann bei der Polizei aus, Amedy Coulibaly, der Täter der Pariser Supermarkt-Geiselnahme, habe von ihm ein Auto und eine Pistole kaufen wollen. Auch die Kriegswaffen der Charlie-Hebdo-Täter hatte Coulibaly belgischen Zeitungen zufolge in Brüssel erstanden.

Dass dies kein Zufall ist, darauf deuten Statistiken des Londoner International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR), das seit Jahren die Rolle der ausländischen Kämpfer im syrischen Bürgerkrieg beobachtet. Zwischen Ende 2011 und Ende 2013 zogen bis zu 11.000 solcher Kämpfer nach Syrien und in den Irak, wovon bis zu 18 Prozent aus Westeuropa kamen. Schon nach absoluten Zahlen liegt Belgien (76 bis 296) hier in der Spitzengruppe (Frankreich: 63 – 412, Vereinigtes Königreich 43–366, Deutschland 34–240). Im Verhältnis zur Bevölkerung ist das kleine Land mit 27 Kämpfern pro einer Million Einwohnern der Hauptlieferant für europäische Dschihadisten.

Syrien-Rückkehrer im Fokus

Der Vilvoorder Bürgermeister Hans Bonte, der seit Jahren vor der Gefahr von Syrien-Rückkehrern warnt, sprach am Abend im belgischen Fernsehen von 101 bekannten Fällen, davon allein acht in seiner Stadt. Bislang werde mit diesen "zu lasch umgegangen". Bonte, der sich mit anderen Bürgermeistern für Deradikalisierungsprogramme einsetzt, wies zugleich auf erhebliche Kosten einer 24-Stunden-Überwachung von Rückkehrern hin. Als Hauptnährboden des Dschihadismus macht der Soziologe und ehemalige Sozialarbeiter Bonte die erheblichen Integrationsprobleme in Teilen der muslimischen Bevölkerung und daraus folgende Frustration aus.

Als maßgeblichen Akteur in der Rekrutierung von Kämpfern sieht nicht allein die Staatsanwaltschaft die Gruppierung Sharia4Belgium an. Im Herbst begann in Antwerpen der größte Terrorismusprozess der belgischen Geschichte. Angeklagt sind 46 Personen, die entweder Syriengänger angeworben oder selbst dort gekämpft haben sollen. Das Urteil wird im Februar erwartet.

Nach den Razzien am Donnerstagabend wurde die Terror-Warnstufe Belgiens vom zweiten auf das dritte Niveau (von vier) angehoben. Zunächst galt dies wegen der expliziten Drohung nur für Polizei- und Justizgebäude. In der Nacht wurde dieser Beschluss nach einer Sitzung des Kernkabinetts auf den Rest des Landes ausgeweitet. Aus Vorsicht bleiben am Freitag sämtliche jüdischen Schulen in der Hafenmetropole Antwerpen geschlossen. Premierminister Charles Michel kündigte an, bei einer Pressekonferenz am Freitag Vormittag würden weitere Details über die Situation bekannt gemacht.