Ein etwas verwahrlostes zweistöckiges Eckhaus in Braunau plagt die Republik Österreich seit vielen Jahrzehnten. Im Obergeschoß des einstmaligen Gasthauses, nur ein paar Meter vom Stadtplatz entfernt, brachte am 20. April 1889 eine junge Frau ein Kind zur Welt, das zu einem der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte wurde: Adolf Hitler. Dessen Vater, der Zollbeamte Alois Hitler, hatte die Wohnung gemietet, die Familie übersiedelte schon bald in ein anderes Haus und drei Jahre später verließ sie Braunau, das schmucke Städtchen in Oberösterreich an der Grenze zu Deutschland, Richtung Passau.

Der Ort hat keinen tiefen Eindruck auf den späteren Diktator gemacht, nur einmal kehrte er zurück: Am 12. März 1938, als Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, fuhr er gegen 14 Uhr über eine Brücke des Inn, der die beiden Länder trennt, vorbei an seiner Geburtsstätte, ohne anzuhalten, wie man sich in Braunau erzählte und ohne das Haus auch nur eines Blickes zu würdigen. Trotzdem: Braunau wird immer einen fixen Platz im Gedenken an den Nationalsozialismus haben.

Fast jeder Braunauer kann Geschichten erzählen von grau melierten Herren, die sich mehr oder weniger schüchtern erkundigen, wo denn "das Geburtshaus des Führers" zu finden sei. Verlässlich berichten internationale Medien immer wieder über das leerstehende Gebäude. Zuletzt berichtete die britische BBC davon, wie Hitlers Haus "Österreich Kopfschmerzen bereitet".

Von der Fassade wurden über die Jahre immer wieder kleine Stücke vom Verputz als Souvenir abgekratzt. Der Mahnstein vor dem Haus wurde vergangenen April mit blauer Farbe beschmiert. Und manchmal posieren Neonazis mit Hitlergruß vor dem Gebäude und posten Fotos davon im Internet.

Martin Bormann erwarb das Gebäude

Im Jahr 1912, Adolf Hitler trieb sich mittlerweile als erfolgloser Künstler in Wien herum, kaufte die Familie Pommer das Wirtshaus. Schon früh begann sie den Hitlerkult zu vermarkten. Das Magazin Profil berichtete vergangenes Jahr darüber, wie die Gaststätte zu einem Anziehungspunkt für Hitlertouristen wurde. 1936, die NSDAP war im austrofaschistischen Ständestaat verboten, wurde im Geburtszimmer bereits ein kleines Museum eingerichtet.

Nach dem Anschluss Österreichs erwarb Martin Bormann das Gebäude für 150.000 Reichsmark, dem Vierfachen des Verkehrswertes. Ein verschlungenes MB über dem Eingang erinnert noch an Hitlers Sekretär.

Nach der Befreiung ging das Gebäude zuerst an die Republik. Die Familie Pommer klagte und bekam es 1954 zurück. Mit dem Haus verdiente sie gutes Geld. Schulklassen wurden darin untergebracht, dann die Stadtbücherei und eine Bank. Immer wieder gab es Gerüchte, dass Altnazis an dem Eckhaus interessiert seien.

Um dem zuvorzukommen, mietete die Republik Anfang der 1970er das Haus und quartierte die Behindertenorganisation Lebenshilfe ein. Oft kam es zu Konflikten mit der Vermieterin. Bauliche Maßnahmen lehnte sie ab und eine Mahntafel an der Fassade des Gebäudes verhinderte sie per Gerichtsbeschluss – der Mahnstein steht seit Ende der 1980er auf dem Gehsteig vor dem Haus. Seit die Lebenshilfe vor vier Jahren auszog, steht das Gebäude nunmehr leer und lässt alle ratlos zurück.