Die schwarzen Plakate, auf denen "Je suis Charlie" steht, also "Ich bin Charlie", sind überall in der Pariser Innenstadt zu sehen. Frankreich weiß gut zu unterscheiden zwischen dem Recht, über alles und jeden zu spotten, und der Frage, ob ein Scherz beleidigend ist. Dieser Tage sagen auch Konservative und Kirchenleute "Ich bin Charlie", obwohl Charlie Hebdo, das Satiremagazin, dessen Redaktion am gestrigen Mittwoch einem Attentat zum Opfer fiel, mit Wonne auch das veralberte, was ihnen heilig ist.

Dass sich sogar die rechtsbürgerliche Tageszeitung Le Figaro an die Seite anarchistischer Spötter stellt, wer hätte es gedacht. Der Mordüberfall hat eine Wahrheit bloßgelegt, die im innenpolitischen Streit längst vergessen war: Die Franzosen werden durch ihre Freiheitsliebe geeint.

Ob das so bleiben wird? Präsident François Hollande lud, so ist es Brauch, alle Parteivorsitzenden ins Élysée, also auch die rechtsradikale Marine Le Pen. Sie wird ihn auf dem Treffen am Freitagmorgen fragen, ob ihre Partei am Sonntag mitmachen darf: Die regierende sozialistische Partei hatte für diesen Tag zu einem "republikanischen Marsch"  aufgerufen und viele Organisationen von rechts bis links eingeladen, auch die UMP des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy. Alle werden mittun, muslimische Verbände eingeschlossen. Nur Marine Le Pen hat noch kein Briefchen bekommen. Sollte sie? Darüber gibt keine Einigkeit unter jenen, die mitgehen wollen. Le Pen spracht von einem "schäbigen politischen Manöver".

Premier und Präsident würdig und effektiv

Die Vorsitzende des Front National fällt rhetorisch derzeit durch Zurückhaltung auf, sieht man einmal von ihrer alten, jetzt wiederholten Forderung ab, ein Referendum über die Einführung der Todesstrafe anzuberaumen. Aus ihrer Umgebung dringen freilich schärfere Töne, die wohl Versuchsballons sind: Nun müsse die Immigration beendet werden, beispielsweise.

Überhaupt scheint gerade jede politische Kraft vorsichtig zu testen, wie sie sich in der neuen Lage bewegen soll. François Hollande tritt besonnen und würdig auf, was ja nicht immer der Fall war. Er kann sich auf seinen Regierungschef Manuel Valls stützen, der vorher Innenminister und davor Bürgermeister eines konfliktreichen Vororts war und einfach die richtige Besetzung ist. Versuche der UMP-Opposition, an der Effizienz des Innenministeriums zweifeln zu lassen, konterte er hart und überzeugend.

Das Wort vom Krieg

Das politische System Frankreichs zeigt, wie es scheint, jetzt wieder Bindungskraft, was überraschend ist angesichts des Sittenverfalls der politischen Klasse in den vergangenen Jahren. Wir anderen Europäer können tatsächlich stolz sein darauf, wie das Land auf den Terror reagiert – ohne Panik, ernsthaft und bislang ohne die üblichen Polemiken.

Doch leider ist noch offen, ob der gestrige Terrorüberfall eine Kulmination oder gar ein Auftakt war. In der vergangenen Nacht wurden Moscheen überfallen, und heute früh wurde in Paris eine Verkehrsbeamtin mit einer Kriegswaffe erschossen. Das ist weit entfernt von einem Bürgerkrieg, aber in der politischen Rechten geht das Wort Krieg schon um. Und sie meinen damit nicht nur, dass französische Soldaten in fernen Ländern gegen den islamistischen Terror kämpfen.