Der frühere türkische Präsident Abdullah Gül hat die Politik seines Nachfolgers Recep Tayyip Erdoğan kritisiert. Politische Stabilität beruhe nicht nur auf parlamentarischen Mehrheiten, sagte Gül laut Hürriyet bei einem Treffen mit früheren Ministern und Abgeordneten in Istanbul. Gül forderte mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Zudem wandte er sich gegen Erdoğans Pläne zur Einführung eines Präsidialsystems.

Wenn die Türkei einen Systemwechsel brauche, dann müsse dieser darin liegen, den Einfluss der Exekutive auf das Parlament zu verringern, sagte Gül dem Bericht zufolge. Mit dieser Forderung nach einer Stärkung des Parlaments stellte sich der Ex-Staatschef gegen das Ziel Erdoğans, dem Präsidentenamt die zentrale Rolle im politischen System zuzusprechen.

Gül und Erdoğan sind politische Weggefährten, lagen in der Endphase von Güls Präsidentschaft im vergangenen Jahr aber in mehreren politischen Fragen über Kreuz. So kritisierte Gül die Entscheidung Erdoğans, den Zugang zum Kurznachrichtendienst Twitter in der Türkei blockieren zu lassen. Das Verfassungsgericht hob damals die verfügte Sperre wieder auf. Während Gül das Gericht dafür lobte, kritisierte Erdoğan die Richter scharf.