Warum sie Tsipras wählen

Überall in diesen Tagen vor der großen Entscheidung hört man sie in der Hauptstadt reden, und sie reden laut. Die Menschen in den Straßen von Athen, in den Cafés, in der U-Bahn, sie murmeln nicht mehr, wenn sie sagen: Ich werde Tsipras wählen. Ein Bekenntnis, das vor ein, zwei Jahren nur wenige offen abgelegt hätten. Zu radikal, zu gefährlich erschien vielen, was dieser junge Linke mit Griechenland vorhatte.

Und jetzt? Zwei Tage vor der Wahl am Sonntag, vor der sich viele Berlin und in den anderen europäischen Hauptstädten fürchten und auf die so viele in Griechenland hoffen, strömen sie herbei. Omonia – der Platz der Einheit, im Zentrum der Fünf-Millionen-Metropole.

Auf einer Schulter lehnt eine rote Fahne. Chrisanthi Christophi, 42, läuft bis vor die Bühne, auf der Alexis Tsipras, der Spitzenkandidat des linken Wahlbündnisses Syriza und wahrscheinliche Wahlsieger, gleich sprechen wird. Seine letzte Rede vor der Wahl. Die Frau sagt: "Ich bin keine Ultralinke." Früher habe sie die sozialdemokratische Pasok gewählt, die alte, verschlissene Regierungspartei, die jetzt bei knapp fünf Prozent liegt und um den Wiedereinzug ins Parlament bangt. "Es ist die pure Not", sagt sie, "die Mittelschicht wurde ruiniert in Griechenland. Das kann nicht so weitergehen."

Ackern für den Wohnungskredit

Dabei dachte man im restlichen Europa doch, es gehe langsam wieder aufwärts mit dem Land. Ein Ende der Rezession nach sechs Jahren schien in Sicht und eine Rückkehr an die Finanzmärkte nach den harten, von der Troika erzwungenen Reformen und Einschnitten. "Uns hat es nichts gebracht", sagt Christophi. Im Gegenteil. Für sie persönlich habe sich die Lage weiter verschlechtert. Mit ihrem Mann führt sie seit 20 Jahren eine Metzgerei in der Hafenstadt Piräus. "Wir arbeiten hart, zusammen 18 Stunden am Tag. Nachts ist mein Mann auf dem Großmarkt. Ich stehe den ganzen Tag im Geschäft." Doch der Umsatz ist um die Hälfte zurückgegangen seit 2010 und niedrig. "Jetzt sind wir überschuldet."

Wie die meisten Griechen besitzen Christophi und ihr Mann eine Wohnung – mit 70 Prozent liegt den Anteil derjenigen, denen die eigene Immobilie gehört, weit höher als in Deutschland. "Der Grund dafür ist nicht, dass wir alle wie verrückt Kredite aufgenommen haben", sagt sie. Das Streben nach dem eigenen Haus sei vielmehr in der Kultur des Landes verankert, in dem die Menschen dem Staat seit jeher wenig trauen. Da ist die einzige Gewissheit: vier Wände und ein Dach. Aber nun kann das Metzgerpaar die Raten dafür nicht mehr bezahlen.

Christophi muss nicht lange warten, bis Tsipras ihr einen Weg aus der Misere verspricht. Unter dem Jubel Tausender kommt er federnden Schrittes auf die Bühne. "Ab Montag wird es Gesetz sein", ruft er den Massen zu, "kein Haus in die Hände der Banker!" Pfändungen und Zwangsversteigerungen – das habe jetzt ein Ende. Hypothekenkredite für Wohneigentum sollten so angepasst werden, dass sie zurückgezahlt werden könnten. Die Zuhörer wollen es gerne glauben.

Zu wenig zum Leben

Noch mehr Wohltaten verspricht Tsipras, auch Beamten und Rentnern. Aber er lässt im Vagen, wie er das bezahlen will. Der 71-jährige Dimitrios Bekolas steht mit blauem Schlips, hellblauem Hemd und erwartungsvollem Gesicht in der Menge. Ein Staatsdiener war er in der Athener Stadtverwaltung, sein Leben lang. "Was ist mir geblieben? 800 Euro im Monat für mich und meine Frau." Ein Drittel seiner Rente wurde gestrichen. "Wir dachten, wir können in Würde altern. Jetzt haben wir Mühe, zu überleben." Die Miete in der Stadt frisst einen großen Teil seines Einkommens. Medikamente könne er sich kaum mehr leisten, klagt er, auch weil Leistungen in der Gesundheitsversorgung gekürzt wurden.

Bekolas hat sich noch nicht entschieden, ob er Tsipras am Sonntag seine Stimme gibt. Jahrzehnte lang gehörte er einem System an, das sich zwei Parteien untereinander aufgeteilt hatten: die konservative Nea Dimokratia des jetzigen Ministerpräsidenten Antonis Samaras und die Pasok. Der Staatsdiener im Ruhestand sagt: "Um mich geht es hier nicht mehr. Wenn ich es tue, dann für unsere Kinder."

Von dieser Jugend spricht Tsipras an diesem Abend viel. Von denen, die nach Deutschland und nach England gegangen sind mit ihren Medizin- und Ingenieurabschlüssen. Und von denen, die geblieben sind, wie Manolis Papakostas, der 21 Jahre alt ist. Er hat keinen Universitätsabschluss, sondern eine kaufmännische Ausbildung von einer Fachschule. "Jetzt sitze ich im Supermarkt an der Kasse. Halbtags, 20 Stunden die Woche. Ich verdiene netto 200 Euro im Monat." Immerhin ein Job. Doch alleine wohnen und studieren – davon kann er nicht einmal träumen.

Papakostas will Tsipras wählen, obwohl er 2012 noch den Konservativen seine Stimme gegeben hat. Er will sich nicht mehr den Kopf zerbrechen, was über Europa gesagt wird, über die Schulden, die Krise, einen möglichen Austritt aus dem Euro. Das sind nicht seine Probleme, sagt er.