Eine Gasse mitten in Athen, eng und dunkel. Die Mauern voller Graffiti, an den Wänden hängen Plakate und Aufrufe zu Demonstrationen linksautonomer Gruppen. "Fuck the Police" steht in riesigen Buchstaben an einer Mauer. Einige Meter weiter eine Marmortafel: "Zum Gedenken an den kleinen Alexander. Er war nur 15 Jahre alt ... 6. Dezember 2008." Auf diesem Bürgersteig im Stadtviertel Exarchia, dem politischen und intellektuellen Zentrum der linken Bewegung Griechenlands, starb er: Alexander Grigoropoulos. Eine Pistolenkugel durchschlug seine Brust – abgefeuert aus der Waffe eines Polizisten. 

Noch am selben Abend brachen die schwersten Ausschreitungen aus, die Griechenland seit Jahrzehnten gesehen hatte. Zuerst in Exarchia, dann im restlichen Athen und in vielen anderen Städten des Landes. Der Mord an dem Jungen, für den der Polizist später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, war der Auslöser. Die gewaltsamen Proteste aber zeugten von einer Unzufriedenheit, vor allem in der Jugend und in weiten Teilen der linksgerichteten Bevölkerung, für die man zunächst kaum Erklärungen fand. 

Die Ausschreitungen, so sollte sich herausstellen, waren Vorboten, Symptome der politischen und wirtschaftlichen Krise, die kurz darauf folgen und ganz Europa ins Wanken bringen würde. Das alles ging aus von einem Ort, der schon häufiger die griechische Geschichte bestimmt hat: Exarchia. Wenn Griechenlands linke Bewegung an diesem Sonntag den Sieg erringt, sind die Anfänge hier zu suchen.   

Um zu verstehen, was dieses Dreieck zwischen Universität, Parlament und dem Stadtberg Lykabettos für das Land bedeutet, muss man das Café Floral aufsuchen, nur wenige Straßen von dem Tatort jener Dezembernacht entfernt. An einer Ecke ragt es heraus, das "Blaue Apartmenthaus", ein Kleinod der klassischen Moderne, das seit den 1930er Jahren im Erdgeschoss ein Lokal beherbergt. Vorbei geht es an vollbesetzten Tischen, an Studenten mit Rastalocken, an rauchenden Frauen und Männern, die laut über Politik diskutieren, einige Stufen hinunter durch die kleine Buchhandlung bis hinein in das Büro von Giorgos Thalassinos, dem Besitzer des Floral.

Alexis Tsipras ist hier groß geworden

"Sie sind ständig hier", sagt er, "viele Abgeordnete von Syriza, auch Alexis Tsipras, der Parteichef." Thalassinos, 62, ein scharfer Verstand, scharfe Bartstoppeln, lehnt in seinem Stuhl und raucht Zigarillos. Hinter den süßlichen Wolken kommen alte Filmposter zum Vorschein, die überall an den Wänden hängen. Thalassinos über Tsipras: "Er ist hier groß geworden. Viele seiner Freunde wohnen hier, auch seine Eltern." 

Es hat sich eben nicht viel verändert in Exarchia in den vergangenen Jahrzehnten: Gentrifizierung ist hier tatsächlich ein Fremdwort. "Wer einmal mitten in der Stadt eine gute Wohnung hat, der zieht nicht so schnell weg", sagt Thalassinos. Studenten, Familien, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Spartakisten, Marxisten, Linke, Linksautonome, Grüne, Sozialdemokraten. Auch viele Syriza-Vordenker, die Intellektuellen des Parteibündnisses, hätten aus ihren unterschiedlichen Strömungen in Exarchia zueinander gefunden. "Wegen der Krise haben sie sich zusammengerauft, und aus der Bewegung ist mit Tsipras an der Spitze eine starke Partei geworden", sagt Thalassinos.