Wenn Griechenland am kommenden Sonntag eine neue Regierung wählt, werden die Bürger der bisherigen Sparpolitik sehr wahrscheinlich eine Absage erteilen. Und damit auch dem ökonomischen Dogma der Eurokrise, wie es Angela Merkel verteidigt. Mit der Kanzlerin verhandeln wird dann wohl eine neue Figur im europäische Machtzirkel: Alexis Tsipras, der Chef des linken Parteibündnisses Syriza. Doch welches Mandat er nach Berlin mitbringen und wie er über die Zukunft der griechischen Schulden sprechen wird, hängt vom Wahlergebnis ab.

Bisher deutet vieles darauf hin, dass Tsipras eine Koalitionsregierung bilden muss. Syriza liegt zwar in den meisten Umfragen etwa 3 bis 6,5 Prozent vor der jetzigen Regierungspartei Nea Dimokratia, für eine absolute Mehrheit im Parlament dürfte das aber nicht reichen. Doch welcher Partner wäre bereit, mit Syriza in eine Regierung einzutreten, die von Beginn an vor gewaltigen Problemen stehen wird? Schon im Februar könnte dem Land wieder das Geld ausgehen, wenn die Kredite nicht weiter ausgezahlt werden.

Für die Rolle des Mehrheitsbeschaffers bietet sich derzeit eine neue politische Bewegung an, die bisher nicht einmal im Parlament sitzt. To Potami – zu Deutsch: der Fluss. Erst vor einem Jahr wurde die gemäßigte linksliberale Partei von dem Fernsehjournalisten Stavros Theodorakis gegründet und kommt aus dem Stand auf 5 bis 8 Prozent. Die parlamentarische Hürde von 3 Prozent wäre damit ziemlich sicher genommen. Und eine Annäherung zu Tsipras läuft bereits, auch wenn dieser sich aus taktischen Gründen distanziert gibt. Potami-Chef Theodorakis sagt jedenfalls, dass er eine Regierungsverantwortung nicht scheue und einem "politischen Kompromiss" zustimmen werde. Und er ergänzt: "Es gibt Syriza-Politiker, die durchaus richtige Sachen sagen."

Der totale Bruch mit dem Establishment

Eine Regierung Syriza-Potami würde das über Jahrzehnte gewachsene politische System Griechenlands vollkommen auf den Kopf stellen. Beide Parteien waren noch nie in der Regierungsverantwortung. Ein solches Wahlergebnis wäre Ausdruck des Scheiterns der europäischen Rettungspolitik und der totale Zusammenbruch des bisherigen Establishments in Verwaltung und Politik des Landes – eine Revolution, herbeigeführt an den Urnen. Das gibt es selten in stabilen demokratischen Systemen.

Schon die Besetzung der Minister- und Staatssekretärsposten wäre für diese Konstellation nicht leicht. Denn Syriza besteht als Partei auch nur etwas länger als To Potami: seit der Parlamentswahl im Jahr 2012. Zwar haben sich inzwischen linke Fachleute vor allem aus dem ökonomischen Spektrum der Bewegung angeschlossen, doch ihr fehlt eine Basis in der griechischen Verwaltung. Genau das aber scheinen die Wähler in Griechenland zu goutieren. Denn Tspiras und seine Mitstreiter präsentieren sich als Gegenmodell zu dem von Korruption, Bürokratie und Nepotismus zersetzten Staatsapparat.

Absolute Mehrheit hängt an den kleinen Parteien

In Berlin und Brüssel hofft man hingegen, dass Syriza in einer Koalition mit To Potami ein gemäßigter Partner zur Seite stünde, der die radikalen Impulse in der Partei von Tsipras ausgleichen könnte. Auch dem Parteichef selbst kann es kaum recht sein, dass eine Abgeordnete seiner Parlamentsfraktion wenige Tage vor der Wahl im Fernsehen einfach behauptet: Falls Griechenland das Geld ausgehe, werde "die Nationalbank 100 Milliarden Euro selbst drucken". Die Parteispitze bemühte sich umgehend um Schadensbegrenzung.

An solche Ausfälle müsste man sich vielleicht gewöhnen, wenn Syriza eine absolute Mehrheit im Parlament gewönne. Auch das ist nicht ausgeschlossen, denn das griechische Wahlsystem begünstigt Alleinregierungen: Der Wahlsieger erhält einen Bonus von 50 Sitzen im Parlament. Den aktuellen Umfragen zufolge kann Tsipras mit etwa 145 Sitzen rechnen – bei insgesamt 300 Abgeordneten. Alles hängt letztlich davon ab, wie viele Parteien die Dreiprozenthürde überspringen: Je weniger es in das Parlament schaffen, desto wahrscheinlicher wird eine absolute Mehrheit für Tsipras.

Sollte dem linken Newcomer dies gelingen, fiele seine Agenda sicher üppiger aus als in einer Koalitionsregierung, wenn er nach der Wahl im Berliner Kanzleramt empfangen wird. Doch Tsipras kann dann auch keine Ausflüchte finden, sollte er von den internationalen Kreditgebern zu harten Einschnitten gezwungen werden. Für Syriza, Griechenland und Europa kommt dann der Moment der Wahrheit.