ZEIT ONLINE: Herr Cerić, Sie haben die Attentate von Paris scharf verurteilt. Sie haben sie auch einen Angriff auf unschuldige Journalisten genannt. In der muslimischen Welt gibt es viele Menschen, die glauben, dass diese Journalisten nicht unschuldig waren, sondern schuldig, weil sie sich über den Propheten Mohammed lustig gemacht haben. Was sagen Sie dazu?

Mustafa Cerić: Ich möchte die Frage nach der Schuld erst einmal aufschieben. Wir wissen aus der Sira, der aufgezeichneten Geschichte seines Lebens, dass wann immer der Prophet angegriffen und verletzt wurde, diese Kränkungen nicht nur verletzender waren als jene von Charlie Hebdo – sondern dass der Prophet keine Todesurteile ausgesprochen hat. Wenn wir als Muslime unsere Liebe zu ihm ausdrücken wollen, tun wir das mit unseren Herzen. Natürlich sind diese Karikaturen nicht in Ordnung. Alle Muslime sind davon peinlich berührt und finden sie unangenehm. Wenn Charlie Hebdo Muslime verletzen wollte, dann war das Magazin erfolgreich. Wenn das Magazin eine Art Sozialkritik vermitteln wollte, wenn es klar machen wollte, dass einige Muslime Defizite haben – ja, natürlich, auch das ist wahr. Aber mein Punkt ist: Man liebt nicht den Propheten und zeigt es mit einer Waffe.

ZEIT ONLINE: Al-Kaida, nur um ein Beispiel zu nennen, hat immer argumentiert, dass die Karikaturisten sterben müssen, wenn sie den Propheten lächerlich gemacht haben, weil der Prophet selbst ein Beispiel gegeben hat, als er Ka'b bin al-Ashraf tötete, der ihn lächerlich gemacht hatte. Ist das falsch?

Cerić: Ich akzeptiere dieses Argument nicht. Diese Terroristen entscheiden erst, etwas zu tun, und suchen dann nach Argumenten. Wissen Sie, was mich mehr umtreibt? Charlie Hebdo hat sich auch über den jüdischen Glauben lustig gemacht und mindestens ein Journalist wurde wegen Antisemitismus entlassen. Wir wollen wissen: Wie lässt sich dieses Puzzle lösen? Oder nehmen Sie zum Beispiel Anders Breivik. Er tötete mehr als 70 Menschen. Er sagt, er habe es als Christ getan. Haben ihn die Medien einen christlichen Terroristen genannt?

ZEIT ONLINE: Niemand hat abgestritten, dass Breivik glaubte, er sei auf einer christlichen Mission.

Cerić: Vielleicht. Aber es hat nicht zu einer Hysterie über christlichen Terrorismus in Europa geführt. Warum in Gottes Namen sprechen die Medien immer über "Islamischen Terrorismus"? So eine Doppelmoral. Was in Paris passiert ist, ist nicht "Islamischer Terrorismus". Ich würde die Medien in Europa gern bitten, sich dafür zu entschuldigen, den Begriff "Islamischer Terrorismus" zu benutzen.

ZEIT ONLINE: Also haben die Täter nichts mit dem Islam zu tun?

Cerić: Nein, dies hat nichts mit dem Islam zu tun.

ZEIT ONLINE: Wenn das so ist, warum haben Sie dann zusammen mit mehr als 120 muslimischen Gelehrten einen Brief an den Kopf der Terrorgruppe "Islamischer Staat" unterschrieben, in dem Sie versucht haben, Abu Bakr al-Baghdadi zu überzeugen, dass seine religiösen Argumente falsch sind? Offensichtlich haben Sie ihn als Moslem angesprochen.

Cerić: Es gibt 1,6 Milliarden Muslime in der Welt. Wenn Sie über Islamischen Terrorismus sprechen, beziehen Sie alle von ihnen mit ein. Das ist ein sprachliches Verbrechen. Warum tun Sie nicht dasselbe mit christlichen Terroristen? Oder mit jüdischen Terroristen, wie dem Mörder von Yitzhak Rabin? Hat irgendjemand Moses dafür verantwortlich gemacht, was dieser Mann getan hat?

ZEIT ONLINE: Aber wer macht den Propheten Mohammed dafür verantwortlich, was die Mörder von Paris getan haben?

Cerić: Alle machen den Islam verantwortlich!

ZEIT ONLINE: Ich finde es verwirrend, dass Sie sagen, der Pariser Angriff habe nichts mit dem Islam zu tun, aber mit dem Anführer des IS über muslimische Theologie diskutieren. Also lassen Sie mich fragen: Hat Paris irgendetwas mit dem Islam zu tun oder nicht?

Cerić: Hat al-Baghdadi etwas mit Paris zu tun?

ZEIT ONLINE: Wir wissen es noch nicht, aber seine Denkschule ist ähnlich.

Cerić: Wir wissen nichts über die Denkschule der Angreifer von Paris. Ich will es so formulieren: Was in Paris passiert ist, ist gegen den Islam. Und gegen Muslime! Es ist nicht akzeptabel. Es ist gegen die Werte der Freiheit, gegen die europäischen Werte, die wir alle teilen.