"Ich verkünde euch gute Nachrichten", hatte noch am Abend zuvor ein Mitglied der Königsfamilie frohgemut getwittert. "Dem Hüter der beiden Heiligen Stätten geht es gut und an den Gerüchten, die im Umlauf sind, ist nichts dran."

Keine drei Stunden später wurde dann im Staatsfernsehen das offizielle Kommuniqué des saudischen Hofes verlesen – Monarch Abdullah ibn Abdel Asis ist tot, gestorben am Freitagmorgen, um ein Uhr früh im King Abdulaziz Medical City Hospital in Riad an den Folgen einer Lungenentzündung. Bereits am Nachmittag wurde der 90-Jährige in Riad nach dem Freitagsgebet auf dem Friedhof beigesetzt, wo die gesamte Königsfamilie begraben liegt. Zu der Trauerfeier in der Imam-Turki-bin-Abdullah-Moschee waren auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif angereist. 

Noch in der Nacht war der bisherige Kronprinz Salman zum Nachfolger von Abdullah proklamiert worden. Er versprach seinem Volk in einer kurzen Mitteilung, er werde die Richtung des Königreiches nicht ändern. Salman forderte seine Landsleute auf, zusammenzustehen und Einigkeit zu zeigen. Die Bürger der Hauptstadt Riad wurden gebeten, zum Palast zu kommen und dem neuen Herrscher Saudi-Arabiens Gefolgschaft zu schwören.

Unruhestifter im Internet

Für das arabische Königreich mit den größten Rohölreserven der Welt kommt Abdullahs Tod zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Saudi-Arabien sieht sich in Zeiten des IS-Terrors mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Bisher stand das Land fest an der Seite der USA. Auch innenpolitisch ist es nicht einfach: Immer wieder werden Menschenrechtsverletzungen kritisiert. Über die öffentliche Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi vor der Al-Jafali-Moschee in Dschidda wurde weltweit berichtet. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 80 Menschen in Saudi-Arabien öffentlich enthauptet, eine Praxis, die das Königreich auch im Januar demonstrativ fortführte.

Bei den einfachen Bürgern wächst außerdem der Unmut über die Königsfamilie und deren prunkvolles Leben, das sie aus den Milliarden Dollar an Öl-Einnahmen finanzieren. Rund 8.000 Prinzen gehören zum Königshaus, gemeinsam mit den ihnen verbundenen Familien ergibt sich eine superreiche Petrol-Nomenklatura von etwa 100.000 Personen.

Zunehmend bricht sich die Unzufriedenheit der Saudis in Onlineforen ihren Bann: Bei der Zahl der Twitter-Botschaften pro Kopf liegt Saudi-Arabien inzwischen vor den Vereinigten Staaten. In keinem Land gibt es mehr YouTube-Nutzer als in der Heimat des Propheten Mohammed, wo jeden Tag 90 Millionen Videos abgerufen werden. Auf Facebook werden Korruptionsfälle teilweise detailgenau ausgebreitet und skurrile Fatwas wahabitischer Scheichs verspottet.

Als Reaktion erließ Saudi-Arabien ein Gesetz gegen sogenannte Cyberkriminalität, das derartige Onlinekritik unter Strafe stellt. Gleichzeitig wurden Menschenrechtler und Dissidenten serienweise mit Prozessen überzogen wegen "Unruhestiftung", "Verleumdung des Königreiches" und "Rebellion gegen die Autoritäten". Zu ihnen gehörte auch der Blogger Badawi.   

Abdullah war ein vorsichtiger Modernisierer

Abdullah, der als junger Mann stotterte, war seit 2005 König von Saudi-Arabien. Er erstieg den Thron nach dem Tod seines durch einen Schlaganfall gelähmten Halbbruders König Fahd, dessen Amtsgeschäfte er bereits seit 1996 geführt hatte. Schnell gewann er die Herzen der Bevölkerung, weil er persönlich sehr bescheiden auftrat. Er schuf die Anrede "Seine Majestät" ab, hielt jede Woche eine Sprechstunde für einfache Leute in seinem Palast und verbot den Besuchern, ihm bei der Begrüßung seine Hand zu küssen. Abdullah verfolgte einen moderaten Modernisierungskurs. Mehr als 100.000 junge Frauen und Männer konnten während seiner knapp zehnjährigen Amtszeit mit Regierungsstipendien im Ausland studieren. Der Monarch schränkt die Macht der Religionspolizei ein und berief zum ersten Mal mit Nora al-Fayiz eine Frau in die Regierung, die als Vize-Bildungsministerin für die Mädchenbildung zuständig ist. Zudem krempelte er den 21-köpfigen Rat der islamischen Rechtsgelehrten um, das mächtigste Instrument der frommen Hardliner. Erstmals sind nun auch die liberaleren islamischen Rechtsschulen wieder vertreten.

Während des Arabischen Frühlings stellte König Abdullah seine Untertanen mit zusätzlichen 130 Milliarden Dollar für Gehaltserhöhungen, neuen Stellen und billigen Wohnungskrediten ruhig. Dem abgesetzten tunesischen Diktator Zine el-Abidine Ben Ali gewährte er Asyl. In Bahrain ließ er Truppen einmarschieren, um dem dortigen sunnitischen Königshaus zu helfen, den Aufstand der schiitischen Mehrheit zu unterdrücken. Die Machtübernahme von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi in Ägypten, der den Muslimbruder-Präsidenten Mohammed Mursi mit Militärgewalt absetzte, unterstützt Abdullah mit Milliardensummen.