Wer es sich zugemutet hat, den amerikanischen Film The Interview anzuschauen, dem wird es schier unbegreiflich sein, wie diese "Komödie" es schaffen konnte, die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea erneut eskalieren zu lassen.

Wäre Nordkorea ein halbwegs normales Land, das Regime in Pjöngjang würde es dabei bewenden lassen, sich für diesen Zwei-Stunden-Klamauk aus Hollywood fremdzuschämen. Und ansonsten zu schweigen.

Aber weil Nordkorea von jeder Normalität weit entfernt ist, reagiert es mit wüsten Drohungen auf diesen Film, in dem zwei durchgeknallte US-Talkshowredakteure von der CIA beauftragt werden, den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un, der ihnen ein Interview gewährt, zu ermorden.

Pjöngjang, behauptet jedenfalls das FBI, ließ einen Hackerangriff auf die Produktionsfirma Sony Pictures starten. Es gibt auch den Verdacht, ehemalige Sony-Mitarbeiter hätten den Email-Verkehr und andere Daten des Unternehmens veröffentlicht.

Auf alle Fälle applaudierte die nordkoreanische Propaganda der Hackergruppe "Guardians of Peace", wer immer sich dahinter verbergen mag. Nach Warnungen vor Anschlägen gegen US-Filmtheater, die The Interview zeigen wollten, zog Sony den Film schließlich zurück.

Nun trat Barack Obama auf den Plan. Man könne es nicht zulassen, verkündete der amerikanische Präsident, dass "irgendein Diktator" die Medien in den USA zensiere.

Der Streit war also grundsätzlich geworden. Es ging jetzt um die Freiheit der Kunst – auch wenn man den Begriff der "Kunst" schon weit dehnen muss, damit The Interview darunter fallen kann. Aber Obama hat Recht: Noch der lausigste Streifen darf höchstens ein Fall für die Filmkritik sein, nie für die Zensur.

Aber mache das mal jemand Nordkorea klar! Mit Filmen spaßt man dort nicht. Das hat Kim Jong Un von seinem Vater Kim Jong Il gelernt. Der ließ 1978 in Hongkong eine Filmdiva und einen Regisseur aus Südkorea entführen, um mit deren Hilfe die heimische Propaganda zu perfektionieren. Filme, schrieb dieser Tage die New York Times, können in Nordkorea "eine Sache auf Leben und Tod" sein.

Folgerichtig drohte Pjöngjang als Reaktion auf The Interview, das nun doch am Ersten Weihnachtstag in dreihundert amerikanischen Kinos anlief, mit "tödlichen Anschlägen". Die USA wiederum antworteten mit Finanz-Sanktionen; Obama nannte sie "den ersten Teil unserer Reaktion".

Nordkorea jedoch beharrt darauf, mit dem Cyberangriff auf Sony und mit Terrordrohungen gegen amerikanische Kinos nichts zu tun zu haben, und wütet gegen die von Washington verhängten Sanktionen. "Es ist Zeit, dass die USA einsehen, dass Sanktionen die Demokratische Volksrepublik Korea nicht schwächen, sondern das Schwert von Songun schärfen", donnerte die Nachrichtenagentur KCNA. Songun heißt "Militär zuerst" und gehört zum Kern der nordkoreanischen Ideologie.

So geht es zwischen Pjöngjang und Washington hin und her, und es wäre zum Lachen, würde das atomar bewaffnete Nordkorea nicht immer wieder mit seinen Bomben und Raketen herumfuchteln. Es ist gerade zwei Jahre her, da drohte das Land mit einem Nuklearangriff auf die Vereinigten Staaten.

Bei allem Wahn: Selbstmord will die Kim-Dynastie nicht begehen, und deshalb muss man solche Drohungen nicht überbewerten. Aber angewidert auf jedes Gespräch mit den Nordkoreanern zu verzichten, wie es die Regierung Obama bisher hält, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Anders als gegenüber dem Iran oder Syrien zeigt sich Obama bei Nordkorea vollkommen unnachgiebig. Hohe ehemalige US-Diplomaten sprechen von regelrechter Politikverweigerung.

Verständlich ist die Abscheu Obamas mit Blick auf die despotische Herrschaft der Kims allemal. Doch gekränkte Eitelkeit könnte im Falle Nordkoreas zu irrationalen Reaktionen führen. Um den Frieden zu bewahren, muss man manchmal sogar mit dem Teufel Suppe essen. Mit einem sehr langen Löffel geht das.