Man hat sie sich anders vorgestellt, die Ölstadt Macaé. Schmutziger. Öliger. Aber an diesem Nachmittag liegen im Hafen des 230.000-Einwohner-Städtchens bloß vier rote Kähne mit Kranaufbauten, die Sonne setzt sich langsam über der Atlantikküste, und im Wasser und an dem blitzsauberen Strand davor amüsieren sich ein paar Badegäste. Man sieht Radwege, gepflegte Böschungen an der Promenade, elegante Restaurants und Hotels. Careless Whisper von George Michael schallt aus Lautsprechern, sehr laut. Für brasilianische Verhältnisse ist Macaé, vier Autostunden nördlich von Rio de Janeiro gelegen, ein Idyll.

"Ja, wenn man mit der Stadtverschönerung nicht ständig weiter voranschreitet, fällt man zurück", sagt ein junger Mann mit dunklen krausen Haaren und einem seriösen Streifenhemd, der gleich um die Ecke des Hafens sein Büro unterhält. Er sagt das mit Stolz in der Stimme. Vandré Guimarães ist der Chef der örtlichen Planungsbehörde, er schwärmt von seiner Stadt, reicht einen Stapel Hochglanzprospekte über die "nationale Hauptstadt des Petroleums" herüber. Der brasilianische Ölkonzern Petrobras koordiniert von hier aus seit fast 40 Jahren die Suche nach neuen Ölquellen auf hoher See, mit großem Erfolg, seither haben Tausende von Spezialunternehmen der Ölwirtschaft in Macaé ihre Hauptquartiere aufgemacht. Beim Rumfahren passiert man am Ortsrand ganze Parkplätze voller Sonden, Rohre und Tiefseerohre. 70.000 Menschen pendeln jeden Tag zum Arbeiten hierher, und auf den Ölbohrplattformen vor der Küste arbeiten noch mal mindestens weitere 80.000 Menschen. Vandré erzählt, dass der örtliche Flughafen, nach den Starts und Landungen gerechnet, der größte in Lateinamerika sei. Das liege an den vielen Helikoptern, die von Macaé aus in 30 Minuten die ersten Offshore-Ölanlagen erreichen.

Eins erzählt Vandré nicht so gern: dass das ganze Ölgeschäft gerade zum Fluch geworden ist. Der Ölpreis ist seit Monaten im freien Fall, manche Unternehmen hier stürzt das in Finanznot, sie entlassen Mitarbeiter und verschieben Investitionen. Auch Petrobras selbst steckt in der Krise, jedoch aus einem anderen Grund: 2014 sickerten Details über einen gigantischen  Betrug heraus, Petrobras-Manager haben sich offenbar jahrelang bestechen lassen, Schwarzgelder in Milliardenhöhe sollen über den Konzern an Spitzenpolitiker geflossen sein. Jedenfalls müssen jetzt Tausende von Verträgen mit Zulieferern und Baufirmen überprüft und neu verhandelt werden, viele davon mit Unternehmen in Macaé. Eine Reihe von Zulieferbetrieben hat schon dicht gemacht, 14.000 Menschen wurden 2014 in Macaé entlassen, davon 8.000 bei Petrobras selber.

Der Bürgermeister von Macaé trifft sich neuerdings mit anderen Küstenbürgermeistern zu Krisensitzungen. Von solchen Treffen kommt er zurück und erteilt seinem Planungschef eine Anweisung, die er noch nie gehört hatte: Sparen! "An Geld hatte es hier noch nie gefehlt", sagt Chefplaner Vandré und zuckt mit den Schultern. Steuereinnahmen und Umlagemittel aus der Ölförderung waren immer da, für Stadtautobahnen und Klärwerke, für innovative Straßenbeleuchtung und Designer-Bushaltestellen, für einen schmucken Uni-Campus und ein Technologiezentrum, für das "Monument zu Ehren der Petroleumindustrie" aus Beton und Stahl, das an der Stadteinfahrt steht und an einen riesigen Bohrkopf erinnert. Ist da vielleicht auch Geld verschwendet worden? Vandré wird bei dem Thema richtig sauer. Petrobras habe die Stadtverwaltung kürzlich wissen lassen, andere Standorte an der Küste seien vielleicht auf Dauer billiger als das auf Ölmilliarden gebaute Musterstädtchen.

Haben die Stadtväter von Macaé eigentlich Pläne gemacht für den Fall, dass Petrobras und die Ölindustrie einmal wegziehen? "Ha!", ruft ein Mann, der den Kopf zur Tür hereinsteckt, der Leiter des Tiefbauamts. "Das ist hier in Macaé die Millionen-Dollar-Frage!" Der Leiter des Tiefbauamtes, stellt sich im Gespräch heraus, betreibt im Nebenerwerb noch ein Unternehmen, das Feuerschutz für Ölbohrplattformen vertreibt. Der Planungschef Vandré schaut ernst. "Es hat doch keinen Sinn, jetzt Geld in irgendwelche künftigen Alternativen zu stecken, und dafür dann die Petroleumindustrie zu vernachlässigen, die uns so viel Reichtum gebracht hat", sagt er. "Jeder Geschäftsmann kann Ihnen das bestätigen: Es ist viel leichter, einen guten Kunden zu pflegen, als wieder einen neuen Kunden zu finden!"