Muss sich Europa vor diesem Mann wirklich fürchten? Alexis Tsipras, der neue griechische Politstar, steht vor einem Wahlsieg am kommenden Sonntag. In allen Umfragen liegt er um mehrere Prozentpunkte vor dem amtierenden Ministerpräsidenten Antonis Samaras. Den Tsipras-Sieg vor Augen malten einige deutsche Politiker und Medien vor einigen Wochen das Chaos an die Wand: Streit zwischen Berlin und Athen, Austritt Griechenlands aus der Eurozone, Euro-Kollaps. Schon jetzt spüren viele: Das war Gerede. Ein Grexit ist nicht in Sicht. Aber das Geraune darüber wird einer der Gründe sein, warum Alexis Tsipras nun den Sieg davontragen kann.

Zwei Werbefilme zeigen anschaulich, worum es in diesem Wahlkampf geht. Der eine ist von der Nea Dimokratia, der Partei von Samaras. Man sieht Schlagzeilen über Griechenlands Untergang: Sieg von Syriza, der Tsipras-Partei, Ausstieg aus der Eurozone, Zusammenbruch der Wirtschaft, Pleite der Banken, das Ende Griechenlands. Eine Musik, die das Mark aus den Knochen kitzelt. Genauso hat Samaras schon 2012 Wahlkampf gemacht. Er selbst bietet keine positive Idee, macht aber die anderen schlecht. Doch diesmal will ihm kaum jemand das Horrorszenario glauben.

Dagegen der Syriza-Spot: Die Sonne geht auf über Athen, der Kaffee steht im sonnendurchfluteten Wohnzimmer, die Menschen gehen zur Arbeit, die Banken öffnen und Alexis Tsipras lacht in der Menschenmenge. Wie Waschmittelwerbung natürlich, aber entscheidend ist: Der Gegner Samaras taucht schon gar nicht mehr auf; es geht um die bessere Zukunft Griechenlands, der letzte Satz heißt: "Die Hoffnung kommt."

Die Griechen sind müde von den Horrorszenarien, sie glauben ohnehin, dass es nicht mehr viel schlimmer kommen kann. Sie wollen nicht den Umsturz oder großen Sprung nach vorn, sondern einen neuen Versuch mit einem Politiker, der nicht ständig den Teufel an die Wand malt. Die Alten haben es nicht gebracht, warum soll der junge Tsipras nicht eine Chance bekommen? So denken viele.

Es gibt drei Gründe, warum es nach diesem Wahlsonntag nicht zum großen Griechenland-Krach in der EU kommen wird.

Der erste Grund ist Tsipras selbst. Je näher er der Macht rückt, desto mehr hat er in den letzten Wochen den Mantel des studentischen Barrikadenstürmers abgelegt. Nicht für die Linke, sondern für alle will er Politik machen. Nicht gegen die Feinde von gestern, sondern für das Land. Sprüche, kann man einwenden, aber welche, die einen Richtungswechsel anzeigen. Tsipras moderiert sich schon, bevor er in das Amt einzieht. Er spricht nicht mehr davon, die Schuldverträge auf dem Marktplatz zu zerreißen. Er redet nicht mehr davon, alle Reformen seiner Vorgänger sofort und rückstandslos für nichtig zu erklären. Tsipras will "verhandeln", "abfedern", "erleichtern". Die sanfte Welle. Er bereitet sich darauf vor, Verantwortung zu tragen.

Die EU und die Deutschen werden am kommenden Montag nach Verkündung der Wahlergebnisse nicht in Panik verfallen. Das ist der zweite Grund. Längst hat man sich in Berlin emotional auf einen wahrscheinlichen Machtwechsel eingestellt. Den Neuen will man nicht in die Ecke treiben und auf die Knie zwingen, wie das behauptet wurde. Berlin wird Tsipras freundlich empfangen, ihm zuhören und dann schauen, ob man ihm entgegenkommen kann. Man wird dem Neuen helfen, um die bestehenden Verträge und den Grundsatz "Finanzielle Hilfe gegen griechische Erneuerung" zu retten. Und vor allem, damit nicht wieder Zweifel am Euroland aufkommen.

Gegen die Europanik haben, drittens, die EZB und die EU schon vorgebaut. Die Märkte sind schon zu Anfang des Jahres kurz von Tsipras-ante-portas geschockt worden. Dann merkten die Broker, dass die meisten griechischen Schulden längst im sicheren Hafen der staatlichen Kreditgeber sind. Keine Bank wird wackeln. Tsipras dürfte schon eingepreist sein. Dazu läuft nun das neue EZB-Programm zum Ankauf von Staatsanleihen. Bei so viel billigem Geld auf dem Markt spekulieren nur Irre auf den baldigen Zusammenbruch des Euro.

Wenn Alexis Tsipras gewinnt, dann wird er am Montag den Aufbruch in eine völlig neue Ära verkünden. Danach wird er sich über die Akten beugen müssen, wie seine Vorgänger auch. Nur wird er dabei hoffentlich bessere Laune verbreiten. Keine Angst vor Alexis!