Auch der neue Anlauf für Friedensgespräche der Ukraine-Kontaktgruppe in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ist geplatzt. Separatistensprecher Denis Puschilin teilte russischen Agenturen zufolge mit, es gebe keine Fortschritte. Er machte die ukrainische Regierung für das Scheitern verantwortlich. "Wir sind bereit zur Fortsetzung des friedlichen Dialogs", sagte Puschilin der Agentur Interfax. Er fügte jedoch hinzu: "Wenn es nötig ist, dann gehen wir zum Gegenangriff über."

Zuvor hatten die Vertreter der nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk nach eigener Darstellung die Stadt Minsk verlassen. Ein neues Datum für Gespräche ist vorerst nicht in Sicht. Zur Kontaktgruppe gehören neben der Ukraine auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und Russland. Das Gremium hatte sich im September auf Schritte für eine Lösung des Konflikts geeinigt. Der Plan wurde bisher aber nicht umgesetzt.

Es war der erste Versuch nach dem Scheitern einer Verhandlungsrunde Ende Dezember, wieder ins Gespräch zu kommen. Zuvor hatte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nach Angaben seines Büros mit Kanzlerin Angela Merkel telefoniert und dabei seine Bereitschaft zu Friedensgesprächen beteuert. Russland dagegen wirft Poroschenko vor, "keine echte Macht" zu haben und den Frieden nur zu versprechen, um vom Westen Finanzhilfen zu erhalten. In Kiew gibt es einflussreiche Kräfte, die eine militärische Lösung des Konflikts fordern.

Poroschenko kündigte an, die Truppen in der Ostukraine zu verstärken. "In den vergangenen vier Monaten ist die ukrainische Armee bedeutend gestärkt worden", sagte er. Ab kommender Woche sollen zudem bei einer Teilmobilmachung zusätzliche 50.000 Ukrainer bewaffnet werden.

Ukraine verstärkt Armee

In der Ostukraine werden die Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee von Tag zu Tag intensiver. Vor allem in der von Separatisten kontrollierten Region Donezk dauern die Gefechte an. Seit Monaten umkämpft ist dort insbesondere der Flughafen. Ein Sprecher der ukrainischen Armee sagte, die Separatisten hätten eine neue Offensive gestartet, um den Komplex unter ihre Kontrolle zu bringen. Die OSZE beklagte nach einem Besuch des völlig zerstörten Flughafens, dass bei den Gefechten Zivilisten in die Schusslinie geraten würden, und forderte ein Ende der Kämpfe. Der Abzug der ukrainischen Soldaten vom Flughafen gilt als entscheidender Punkt für einen Fortschritt bei den Friedensverhandlungen. 

Die OSZE warnte vor weiteren zivilen Opfern, da Angriffe in Wohngegenden gestartet und erwidert würden. Den Angaben zufolge kam auch eine OSZE-Patrouille nahe der Hafenstadt Mariupol unter direkten Beschuss. Opfer oder Schäden habe es aber nicht gegeben.

Insgesamt wurden in der Ostukraine binnen 24 Stunden wieder elf Menschen getötet, teilten die ukrainischen Behörden mit. Nach Armeeangaben waren darunter sechs Soldaten, 18 weitere Soldaten seien verletzt worden. Bei einem Angriff der Separatisten auf einen Kontrollpunkt bei Faschtschiwka in der Region Luhansk sei ein Zivilist getötet worden. Nach Angaben der Stadtverwaltung in Donezk kamen dort vier Zivilisten ums Leben, nachdem ein Lagerhaus nach Beschuss in Brand geriet.

Gewaltexzesse nehmen erneut zu

Es handele sich um die größten Gewaltexzesse seit dem Sommer, sagte Puschilin der Agentur Interfax. Die von Russland unterstützten Aufständischen werfen dem ukrainischen Militär vor, einen Großangriff zu planen. Der ukrainische Sicherheitsrat in Kiew hatte wiederholt angekündigt, die Regionen Donzek und Luhansk zu "befreien". 

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte, die ukrainischen Pläne "verletzen Geist und Buchstaben der Minsker Vereinbarungen". "Hoffen wir, dass diese Vorbereitungen nicht zu einem erneuten Abgleiten in einen bewaffneten Konflikt führen."  

WHO warnt vor Zusammenbruch der Gesundheitsvorsorge

Die Kämpfe in der Ostukraine gefährden auch zunehmend die Versorgung der Bevölkerung. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisatin (WHO) drohe der verstärkte Ausbruch von Infektionskrankheiten wie Polio, Masern und Tuberkulose. Es fehlten Impfstoffe und andere Medikamente, sagte die WHO-Beauftragte in der Ukraine, Dorit Nitzan. Für rund 32.000 HIV-Infizierte in der Region Donezk und Luhansk bestehe die Gefahr, dass sie ihre Medikamente nicht mehr erhielten und die Kontrolluntersuchungen ausfielen. Insgesamt seien 5,1 Millionen Menschen von der Krise betroffen, 1,4 Millionen seien akut gefährdet.

Die Kämpfe machten es äußerst schwer, zu den Krankenhäusern zu gelangen, sagte Nitzan. Diese seien oftmals von der Strom- und der Wasserversorgung abgeschnitten. Die Bedingungen in den Städten Luhansk und Donezk, wo viele Menschen ohne Lebensmittel eingeschlossen seien, seien besonders schlimm.

Die Regierung in Kiew habe die Versorgung der von Rebellen kontrollierten Gebiete eingestellt, sagte Nitzan. Die WHO sei gebeten worden, diese Aufgaben zu übernehmen. Viele Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes, die zum Teil seit Mitte vergangenen Jahres kein Gehalt mehr bekommen hätten, seien aus dem Kampfgebiet geflohen.