Was genau geschah vor knapp einem Jahr in Kiew? Gab es nach den Schüssen, die am 20. Februar 2014 nahe des Maidan zahlreiche Menschen töteten, einen Putsch gegen den rechtmäßig amtierenden ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch? Oder ist die Regierung damals schlicht in sich zusammengefallen?

Von der Antwort auf diese Frage hängt nach Meinung vieler Beobachter ab, wie der Großkonflikt mit Russland zu bewerten ist, der sich wenig später entfaltete. Falls es in Kiew einen Putsch gegeben habe, sei die Reaktion Wladimir Putins doch nachvollziehbar gewesen, könnte man argumentieren – denn wohin habe ein Chaos im Nachbarland aus Moskauer Sicht führen können? Wenn in Kiew schon der Präsident verjagt wird, gelten wohl weder Verfassung noch Verträge noch etwas; als nächstes könnte der russische Flottenstützpunkt Sewastopol auf der Krim von den Revolutionären überrannt werden. Und wer schützt die ethnischen Russen in der Ostukraine vor der Anarchie der Maidanisten? So jedenfalls liest der Kreml bis heute die jüngste Geschichte.

Gegen die These vom Putsch spricht inzwischen eine aufwendige Recherche unter Zeitzeugen in Kiew und in der Ostukraine. Deren Ergebnisse hat die New York Times Anfang Januar veröffentlicht. Der Artikel fand wegen der alles überlagernden Pariser Anschläge in europäischen Medien kaum ein Echo. Er verdient allerdings Beachtung, über den Tag und die Woche hinaus. Denn die Reporter der Times berichten im Kern Folgendes:

Janukowitsch wurde weniger gestürzt als vielmehr von seinen eigenen Verbündeten im Parlament und im Sicherheitsapparat im Stich gelassen.

Wie kommen sie zu diesem Schluss?

Nach dem tödlichen Kugelhagel auf dem Maidan am 20. Februar gewannen dem Bericht zufolge sowohl Janukowitschs Parteigenossen sowie viele Kommandeure der Sicherheitskräfte den Eindruck, dass die "Zentralregierung in sich zusammenfiel". Das sagt unter anderem Alexander Khodakovsky, der Befehlshaber der Spezialtruppe Alfa, die den Auftrag hatte, Regierungsgebäude zu beschützen.

Ein anderer Militär, der Kommandeur einer Berkut-Einheit, berichtet der New York Times, er habe den ganzen Vormittag des 21. Februar über versucht, Befehle aus dem Innenministerium zu bekommen – er habe aber schlicht niemanden erreicht. "Der Minister war verschwunden, und niemand nahm Anrufe entgegen." Ein mittlerer Beamter habe ihm schließlich geraten zu verschwinden, "weil die Chefs gerade alle abhauen". Ein weiterer Berkut-Kommandeur, Andrij Tereschenko, habe einen Anruf des Vizeinnenministers erhalten, der ihn in Kontakt mit einem Oppositionspolitiker gesetzt habe. Mit dessen Hilfe seien mehr als 5.000 Offiziere der Polizei, der Spezialeinsatzkräfte und Truppen des Innenministeriums aus Kiew herauseskortiert worden. Die Sicherheitskräfte fürchteten demnach, sie sollten für die Toten auf dem Maidan verantwortlich gemacht werden.

Bekamen sie also Angst vor der eigenen Bevölkerung?

Diese Aussagen decken sich mit Beobachtungen, die man in den Tagen nach der Eskalation auf dem Maidan selbst in der vergleichsweise friedlichen Westukraine machen konnte. Polizisten trauten sich dort nicht mehr auf die Straße, Polizei- und Geheimdienststationen, etwa in Lwiw, wurden verlassen und von der Bevölkerung teilweise geplündert.

Diese Berichte drangen laut New York Times auch zu den Sicherheitskräften in Kiew durch. Maidan-Unterstützer, hieß es, hätten Waffendepots gestürmt und etwa 900 Kalaschnikows und Pistolen erbeutet. Diese Waffen, so die Befürchtung, sollten nun gegen die regierungstreuen Kräfte in der Hauptstadt eingesetzt werden.
Noch am Abend des 20. Februar trafen sich der deutsche und der polnische Außenminister mit Präsident Janukowitsch, um einen Waffenstillstand und eine Machtübergabe mit der Maidan-Bewegung auszuhandeln. Doch als Janukowitsch am nächsten Tag seine Unterschrift unter das Papier setzte, habe er faktisch schon über keine Regierungsgewalt mehr verfügt. Das Abkommen sei wertlos gewesen, weil Janukowitsch dessen Inhalte überhaupt nicht mehr habe umsetzen können.

Denn zusätzlich zum Massenabfall der Sicherheitskräfte hatte das Parlament, dominiert von Janukowitschs Partei der Regionen, bereits am späten Donnerstagabend eine Resolution verabschiedet, wonach sich sämtliche Soldaten und Polizisten in ihre Stützpunkte zurückziehen sollten. "Das war der Moment, in dem Janukowitsch realisierte, dass er nicht einmal mehr das Parlament auf seiner Seite hatte", so die langjährige Janukowitsch-Verbündete Inna Bogoslowskaja gegenüber der Times.
Am Abend des 21. Februar setzte sich der Präsident ins ostukrainische Charkiw ab.
Am 22. Februar, so schließt der Bericht der Times, fanden die Maidan-Demonstranten zu ihrer Überraschung das Kiewer Regierungsviertel verlassen von Sicherheitskräften und die Residenz von Janukowitsch völlig unbewacht vor. "Sie marschierten einfach durch die Haupteingänge hinein."

Aber war Janukowitsch nicht trotzdem immer noch der gewählte Präsident der Ukraine? Ein Amtsenthebungsverfahren, so wie es die Verfassung vorsieht, hat es nie gegeben. Allerdings war Janukowitsch objektiv nicht mehr in der Lage, zu regieren, und er hatte nach der obigen Schilderung auch keinerlei Aussicht mehr darauf, die notwendige Unterstützung zurückzuerlangen. In solchen seltenen Lagen schafft eine Berufung aufs Recht weder Ordnung noch Befriedung. Und allerspätestens mit der Neuwahl des Parlamentes im Oktober ist die Diskussion über die Legitimität der ukrainischen Regierung ohnehin obsolet.

Was folgt aus alldem? Zum einen, dass die Behauptung eines "Putsches" von Anfang nur als eine Möglichkeit, nicht als Gewissheit hätte gelten müssen. Zum anderen, dass mit dem Machtverlust Janukowitschs eben mitnichten sämtliche Gesetze und Verträge der Ukraine ihre Wirkung verloren haben. Die Sorge um den Krim-Hafen Sewastopol und um "russische" Bürger im Osten des Landes kann deshalb keine Rechtfertigung für die Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel gewesen sein – und schon gar nicht für den getarnten Einmarsch in den Osten des Landes. Sicher, ein Artikel in der New York Times wird keine abschließende Wahrheit über das liefern, was in diesen Februar-Tagen passiert ist. Für Wladimir Putins Gegenthese vom "neofaschistischen Putsch" sprechen indes weniger Fakten als vielmehr die innenpolitische Mobilisierungswirkung, die sich mit einem solchen Narrativ erzielen lässt.