Die prorussischen Aufständischen in der Ostukraine haben ihre angekündigte Großoffensive mit einem Angriff auf die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol begonnen. Das sagte Separatistenführer Alexander Sachartschenko am Samstag in Donezk der Agentur Interfax zufolge. Zu einem Raketenangriff auf ein Wohnviertel von Mariupol, bei dem nach jüngsten Behördenangaben mindestens 27 Zivilisten getötet und fast 100 verletzt wurden, äußerte er sich nicht.

Das ukrainische Militär und die Separatisten beschuldigten sich gegenseitig, den Vorort der Hafenstadt am Asowschen Meer beschossen zu haben. Verteidigungsminister Stepan Poltorak sagte, die Armee erwidere Angriffe der Aufständischen. Ukrainische Medien zeigten Bilder von brennenden Autos und einer schwarzen Rauchsäule über dem Vorort.


Mehrere Grad-Raketen hätten ein Wohnviertel der 500.000-Einwohner-Stadt getroffen, teilte das ukrainische Militär mit. Nach Angaben der Regionalpolizei der Stadt am Asowschen Meer schlugen Raketen auf einem Marktplatz ein. Die Raketen trafen demnach Wohnhäuser, Läden und Marktstände, die dadurch in Brand gesetzt wurden. Es seien viele Menschen auf dem Marktplatz gewesen. Auch ein Posten der ukrainischen Streitkräfte sei getroffen worden, teilte das Innenministerium in Kiew mit.  

Regierungschef Jazenjuk forderte den Westen auf, eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates einzuberufen: "Die internationale Gemeinschaft muss den russischen Aggressor stoppen." Der Sekretär des nationalen Sicherheitsrates in Kiew, Alexander Turtschinow, sagte, der russische Präsident Wladimir Putin sei für den Angriff "persönlich verantwortlich".

Der Raketenbeschuss erfolgte, nachdem die Separatisten eine Großoffensive aus mehreren Richtungen angekündigt und die Friedensverhandlungen als gescheitert bezeichnet hatten. Separatistenführer Alexander Sachartschenko hatte mitgeteilt, seine Kämpfer wollten weitere Gebiete erobern und seien in fünf Richtungen auf dem Vormarsch. Die Stellungen der selbsternannten Volksrepublik liegen rund zehn Kilometer vor den Vororten von Mariupol.

Behörden dementieren Gerüchte über Rückzug von Regierungstruppen

Die Stadtverwaltung Mariupols rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Gerüchte über einen bevorstehenden Abzug der Regierungstruppen sollten ignoriert werden. "Alle Einheiten sind im Gegenteil voll kampfbereit", hieß es in einer Erklärung. Die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt seien verstärkt worden.  

Auf Twitter hatten Augenzeugen von mehreren Einschlägen am Morgen berichtet. Auf Fotos waren Feuer und dichter Rauch über den Häusern der Stadt zu sehen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) schickte nach eigenen Angaben Beobachter zur Überprüfung des Vorfalls nach Mariupol.

In den vergangenen Tagen waren zahlreiche Zivilisten bei Gefechten im Bürgerkriegsgebiet Donbass getötet worden, zuletzt beim Beschuss einer Bushaltestelle in Donezk am Donnerstag. Die OSZE forderte ein sofortiges Ende der Kämpfe in Wohngegenden sowie den Abzug schwerer Waffen, wie ihn Vertreter der ukrainischen Führung und der moskautreuen Separatisten in der belarussischen Hauptstadt Minsk vereinbart hatten. Die OSZE sei zu Vermittlungen bereit, hieß es.

Ukraine will Land-Korridor zwischen Russland und der Krim verhindern

Die Schwarzmeerstadt Mariupol ist strategisch sehr bedeutsam. Die Ukraine hatte bereits bei heftigen Gefechten im Herbst befürchtet, mit der Einnahme der Stadt wollten die Rebellen einen Land-Korridor zwischen Russland und der im März annektierten Halbinsel Krim schaffen. Die Rebellen haben Stellungen rund zehn Kilometer vor den Vororten von Mariupol inne.

Die Nato sah Anzeichen für einen Großangriff. Die Separatisten würden aus Russland mit schweren Waffen versorgt. Nach solchen Verstärkungen seien die Aufständischen bei früheren Gelegenheiten zum Angriff übergegangen. 

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko drohte den Rebellen mit Vergeltung. Er hoffe zwar weiter auf einen Waffenstillstand. "Wenn sich der Feind allerdings weiter weigert, den Waffenstillstand einzuhalten, wenn er dem Leiden friedlicher Menschen in ukrainischen Dörfern und Städten kein Ende setzt, werden wir ihm die Zähne einschlagen", hatte er am Donnerstag vor Militärs gesagt.