Nachdem die beiden Attentäter in die Redaktion von Charlie Hebdo gerannt waren, zwölf Menschen erschossen hatten und einige Tage später fast vier Millionen Franzosen und 44 Staats- und Regierungschef aus allen Teilen der Erde gemeinsam gegen den Anschlag demonstrierten, schaute mich ein Bekannter aus der Ukraine fragend an.

Sinngemäß antwortete ich, dass es bei dem Anschlag in Paris darum ging, etwas zu zerstören. Etwas, was wichtiger ist als der Einzelne. Etwas, was die europäische Gesellschaft eint. Etwas, was so wertvoll ist, dass Millionen Menschen dafür aufstehen. Jetzt muss es darum gehen, dieses Etwas zu verteidigen: unsere Freiheit.

Geografisch gesehen liegt der Mittelpunkt Europas laut einer Vermessung aus dem Jahr 1887 in der Ukraine. Politisch gesehen kann man darüber streiten, ob und wann die Ukraine ein Teil der EU werden soll. Doch seit vor gut einem Jahr die Revolution auf dem Maidan in Kiew nicht mehr zu stoppen war, haben sich die führenden Außenminister aus Europa, der deutsche Frank-Walter Steinmeier vorneweg, darum bemüht, dem Land in der schwierigen Umbruchphase zu helfen. Sie fühlten sich dafür verantwortlich. Viele der Millionen Ukrainer, die die Revolution erzwangen, hatten zuvor mit EU-Fahnen auf der Straße gestanden. Sie kamen aus allen Teilen des Landes und demonstrierten für die Freiheitswerte Europas.

Der Ukraine-Konflikt, der nach dieser Revolution mit der Krim-Annexion begann und den man seit mindestens einem halben Jahr als Krieg bezeichnen muss, verläuft seitdem nach einem gewissen Muster. Es wiederholt sich, ein ums andere Mal, wie in den vergangenen fünf Tagen.

Am Mittwoch einigten sich die Außenminister Russlands, Frankreichs, Deutschlands und der Ukraine in Berlin erneut auf eine Demarkationslinie. Steinmeier sprach von "wahrnehmbaren Fortschritten", Sergej Lawrow von Waffenabzug. Am Donnerstag nahmen dann die Separatisten während der schwersten Kämpfe seit August den Flughafen von Donezk ein. Ein Bus mit Zivilisten geriet unter Granatenbeschuss. Am Freitag kündigte der Anführer der Separatisten Alexander Sachartschenko eine weitere Offensive an. Und am Samstag rückte die Artillerie der prorussischen Truppen so weit vor, dass in einem Wohngebiet der 500.000-Einwohnerstadt Mariupol mehrere Grad-Raketen explodieren, 27 Menschen sterben, darunter zwei Kinder.

Wann immer die russische Regierung diplomatisch Entgegenkommen signalisiert oder einen Friedensplan präsentiert, werden die prorussischen Truppen aufgerüstet oder rücken vor. Das ist das Muster. So war es im Sommer, als die ersten der inzwischen Dutzenden weißen Hilfskonvois aus Russland ohne Grenzkontrolle in die Ostukraine fuhren. So war es im September, als das Minsker Friedensabkommen unterzeichnet wurde. Und so ist es jetzt.

Alle Versuche der EU sind gescheitert

Die Desinformation auf der diplomatischen und medialen Bühne, man kann es auch Lüge nennen, geht einher mit der Bewegung der Armee, es wirkt wie geplant. Das ist einer der wichtigsten Bestandteile des hybriden Krieges, den Russland in der Ukraine führt. Was so simpel klingt, ist gleichzeitig äußerst erfolgreich. Während die prorussischen Truppen auf dem Landweg Richtung Krim Territorien erobern, reihen die Außenminister Europas ihre Deeply-Concerned-Sätze aneinander wie Perlen auf einer Kette, die kein Ende hat. Als störe es keinen, wenn wieder eine neue dazu kommt.

Was mit dem fehlgeschlagenen Vermittlungsversuch vor etwa einem Jahr zwischen den EU-Außenministern und Viktor Janukowitsch begann, hat sich zu einem Krieg entwickelt, an den viele sich scheinbar gewöhnt haben. Wenn in der Hauptnachrichtensendung mal wieder die Rede von Toten in der Ukraine ist, klingt das genauso wie vergangene Woche. Nichts Neues.

Tatsächlich sind es inzwischen mehr als 5.000 Menschen, die ihr Leben im Donbass verloren haben. Das Minsker Abkommen, zwischenzeitlich ein kleiner Hoffnungsschimmer in den diplomatischen Bemühungen der Europäer, scheint nach den vergangenen drei Tagen gescheitert, genauso wie alle anderen Versuche der EU, den Krieg zu befrieden.

Der Ukrainer, der nach den Anschlägen in Paris so fragend staunte, verstand übrigens sehr gut, weshalb Millionen Franzosen zusammenrückten, ob des Angriffs auf ihre Meinungsfreiheit. Das sei etwas Wichtiges, sagte er.

Er fragte dann noch, ob diese europäischen Freiheitswerte – Demokratie, Völkerrecht und Menschenrechte – nicht genauso oder viel mehr in der Ukraine verteidigt werden müssten?