Seit einigen Jahren schon ist er das Gesicht des anderen Griechenlands. Etliche Interviews zur Krise hat Yanis Varoufakis den großen internationalen Sendern und Agenturen gegeben: CNN, BBC, Bloomberg, Reuters – alles in elegantestem, ja witzigem Englisch. Seine Gastbeiträge erscheinen in den wichtigsten Publikationen: Economist, New York Times – auch für ZEIT ONLINE hat Varoufakis geschrieben. Der 53-jährige Ökonomie-Professor mit griechisch-australischem Doppelpass stieg durch die Krise zum inoffiziellen Star der Finanzszene auf. Jetzt kommt ein offizieller Titel hinzu: griechischer Finanzminister.

Bis vor Kurzem lehrte der Mathematiker Varoufakis, der sich selbst als "Volkswirt aus Versehen" bezeichnet, an der Universität Austin in Texas. Nun aber wird er für Syriza in das griechische Parlament einziehen. Ein hochgewachsener Mann, cool gekleidet, nie mit Krawatte, wie auch Syriza-Chef Alexis Tsipras. Letzterer erschien selbst am Montag zu seiner Vereidigung als neuer Ministerpräsident mit offenem Kragen.

Zu den beiden passt übrigens auch Pablo Iglesias bestens, der langhaarige Politikwissenschaftler aus Madrid und Anführer der linken Podemos-Partei, die in Spanien gerade einen ähnlichen Aufstieg wie Syriza hinlegt und sich schon mit ihr verbrüdert hat. Diese drei Männer erschaffen eine Ikonographie der neuen lässigen Linken in Europa, die einen ähnlich avantgardistischen Anspruch vertritt wie in den achtziger Jahren die Grünen in Deutschland – ganz anders als die Gysis und Riexingers hierzulande. Am ehesten könnte man sich noch Linken-Chefin Katja Kipping in diesem Club der Dandys vorstellen oder Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion.

"Wir zertrümmern die Basis der Oligarchen"

Der Habitus jedenfalls, den Varoufakis noch vor seiner offiziellen Benennung an den Tag gelegt hat, war der eines unverkrampften politischen Intellektuellen. Mit Parteipolitik hatte er schließlich bisher auch kaum etwas zu tun. Varoufakis trat zwar auf der Syriza-Liste an, soll aber kein Mitglied der Partei sein. Kurz vor der Wahl veröffentlichte der britische Sender Chanel 4 ein Interview mit ihm. Darin antwortet der Professor auf Fragen gern poetisch, gibt sich aber auch entschlossen. Was die neue Regierung etwa gegen Korruption und die Oligarchen unternehmen wolle? "Wir werden die Basis zertrümmern, auf der die Oligarchen über Jahrzehnte ein Netzwerk aufgebaut haben, das die wirtschaftliche Kraft von jedem anderen in diesem Land geraubt hat."

Varoufakis erklärt in dem Interview auch, was er seinen EU-Finanzministerkollegen demnächst vorhalten möchte, wenn er sie in Brüssel trifft: "Es wird Zeit, die Wahrheit zu sagen darüber, wie untragbar es ist, einen Staatsbankrott inmitten der EU einfach zu verleugnen." Der Reporter legt nach und fragt, wie hoch Varoufakis die Gefahr eines Euro-Austritts für Griechenland einschätzt: "Null", antwortet der künftige Finanzminister und lächelt kurz.

Kein weiteres Geld der deutschen Steuerzahler

Das passt in die Linie, die Varoufakis schon seit Jahren vertritt. Kredite gegen Reformen für ein ohnehin schon hoffnungslos verschuldetes Land? Das hält er für eine "Medizin, die sich als schlimmer als die eigentliche Krankheit herausgestellt hat", schrieb er schon im Mai 2011 auf ZEIT ONLINE.

Was aber wird Varoufakis jetzt vorschlagen? Am Montag hat er der BBC mehrere Punkte genannt. Statt weiteres Geld auch "der deutschen Steuerzahler" in einem "schwarzen Loch" zu versenken, sollten die EU-Staaten lieber über eine Neuordnung der alten Schulden verhandeln. Bedeutet das etwa einen Schuldenerlass über 50 Prozent? Darauf antwortet Varoufakis: In jeden Verhandlungen müsse man mehr verlangen, als man am Ende bekommen wird. Fest stehe aber auch: "Wir wollen nicht weniger Schulden zurückzahlen, als wir können." Deshalb müsse die Höhe der Rückzahlungen an das Wirtschaftswachstum gekoppelt werden. Damit würden Kreditgeber wie Deutschland zu Partnern des Wachstums in Griechenland.