High Heels unter der Burka

Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel lebte und arbeitete von September 2013 bis Dezember 2014 in Afghanistan. Über ihre Erlebnisse dort schrieb sie ein Buch, aus dem wir hier einen gekürzten Auszug veröffentlichen:

Ich bin eine Frau, und ich lebe in Afghanistan. Trotzdem habe ich keine Ahnung davon, wie es ist, als Frau in Afghanistan zu leben. In Kabul fühle ich mich höchstens wie eine halbe Frau, eher wie ein geschlechtsloses Alien. Denn ein Geschlecht definiert sich ja nicht bloß über seine physischen Merkmale, sondern auch anhand gesellschaftlicher Regeln.

Für afghanische Männer und Frauen gibt es detaillierte Verhaltenskodizes: Worüber darf man sprechen, mit wem darf man sich treffen, wohin darf man gehen, wann sollte man abends zu Hause sein. Für mich als ausländische Frau gibt es keine, jedenfalls keine fest definierten.

Ein paar Sachen sind klar: Manche Männer vermeiden es, mit mir zu sprechen. Manche geben mir nicht die Hand zur Begrüßung – nicht als Zeichen der Missachtung oder Geringschätzung, sondern weil sie es als zu intim empfinden. Fremden schaut man als Frau nicht in die Augen – manchmal sehe ich beim Spazierengehen mehr vom Gehsteig als von den Bewohnern Kabuls. Ich darf nicht im Stausee schwimmen, an den wir freitags oft zum Picknicken fahren, und auch nicht in den vielen Wasserparks mit Rutschen und Whirlpools, die es in Kabul gibt. Es hilft, einen Ehering zu tragen. Und in der Öffentlichkeit sollte ich weder rauchen noch Alkohol trinken.

Keine dieser Regeln hindert mich daran, meinem Job nachzugehen: Ich kann Interviews führen und Leute in ihrem Alltag begleiten, ich kann fotografieren und filmen. Manchmal kommt ein Mitarbeiter des Geheimdienstes und fragt nach ein paar Dollar Bestechungsgeld. Manchmal hält ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft sein Gewehr an unser Auto, um seiner Forderung nach meinem Pass Nachdruck zu verleihen. Doch im Grunde arbeite ich so wie in Hamburg auch: Erst versuche ich, eine Geschichte zu finden, die mich bewegt; dann einen Auftraggeber, der dafür so viel bezahlt, dass ich mir Zeit nehmen kann – so viel, wie die jeweilige Geschichte erfordert. Dazwischen beobachte ich den Alltag, lerne Dari und versuche etwas über das Land zu lernen, in dem ich nun lebe.

Es gibt sogar Dinge, die ich machen kann und Männer nicht: Wenn ich bei der Passbehörde mein Visum verlängere, muss ich nicht stundenlang Schlange stehen, sondern komme als eine der Ersten dran; als Frau soll ich nicht lange warten. Wenn ich mit Interviewpartnern, Kollegen oder Bekannten rede, kann ich bedenkenlos nach ihren Frauen und Kindern fragen; als Mann kann das respektlos und unhöflich wirken. Und wenn wir bei Freunden eingeladen sind und Männer und Frauen getrennt sitzen, bin ich die Einzige, die alle treffen darf: Frauen und Kinder, weil ich eine Frau bin. Männer, weil ich eine Ausländerin bin. [...]

Ein Tag, an dem ich das Gefühl bekam, überhaupt einmal irgendetwas über das Leben der Frauen hier zu verstehen, war der Tag, an dem ich ein Frauengefängnis besuchte. Afghanische Anwältinnen, die am Weltfrauentag Schals an die Insassinnen verteilen wollten, hatten mich mitgenommen. [...]

Der vorliegende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Ausgerechnet Kabul". Es ist am 2. März 2015 bei der DVA erschienen. © DVA Sachbuch

Hinter hohen Schutzmauern standen drei Häuser wie Wohnblöcke aneinandergereiht. Manche Zimmer hatten vergitterte Balkone, auf einem kabbelten sich zwei Jungs, vielleicht vier Jahre alt, um einen Stuhl. Die Mütter im Gefängnis lebten mit ihren Kindern hier.

Das Frauengefängnis war mit einem Gittertor vom Rest der Anlage getrennt. Davor stand ein Wärter, etwa vierzig Jahre alt und ziemlich kräftig. Aus dem Gefängnis drangen Schreie und Gejohle. "Das geht jeden Tag so", sagte der Wärter. "Magst du deinen Job?", fragte ich. "Machst du Witze? Die Frauen machen mir Angst. Es ist schlimm. Ich würde lieber im Männergefängnis arbeiten. Das einzig Gute ist, dass ich es morgens nicht weit habe. Mein Haus ist in der Nähe." Eine Wärterin kam und unterschrieb auf meinem Unterarm. "Damit wir später wissen, dass du keine Gefangene bist", sagte sie.

Drinnen begrüßten uns zwei Frauen in pinken, hautengen Kleidern mit Blumen im offenen Haar. Das hatte ich in Afghanistan noch nie gesehen. "Willkommen, willkommen! ", riefen sie. Ich war verwirrt und überlegte, ob es sein könnte, dass es im Gefängnis Prostituierte gibt. Später erfuhr ich: Die beiden sind die Bosse unter den Insassinnen.

Während die Menschenrechtlerinnen Kopftücher verschenkten und die pinken Bosse darüber zeterten und schrien, wer welche Farbe bekam (alle wollten Schwarz), sprach ich mit einer Frau, die seit einem Jahr hier war, weil sie das Armband ihrer verstorbenen Schwester geklaut hatte. Heute sollte sie eigentlich entlassen werden, aber bisher war kein männlicher Verwandter gekommen, um sie abzuholen. Und allein durfte sie nicht raus. Sie habe Angst, sagte die Frau, dass ihre Verwandten sie wieder verklagen würden, sobald sie frei ist. Dann weinte sie.

Viele der Frauen hier haben nichts verbrochen, sagten die Anwältinnen. Sie seien nur von zu Hause abgehauen; Männer würden das oft anzeigen und ihren Frauen moral crimes vorwerfen, versuchtes Fremdgehen. Obwohl das afghanische Strafrecht diesen Verstoß nicht kennt, werden viele Frauen deswegen verurteilt – auch ohne Beweise. Viele Richter, erzählten die Anwältinnen, unterstellen, die Frauen hätten sehr wahrscheinlich außerehelichen Sex gehabt – allein weil sie nicht unter der Aufsicht ihrer männlichen Verwandten standen. [...]

Ich hatte nach diesem Tag das Gefühl, eine neue Welt gesehen zu haben. Und trotzdem: Ich weiß nichts darüber, wie es ist, als Frau in Afghanistan zu leben. 

Wenn ich die Schlagzeilen deutscher Zeitungen lese, habe ich allerdings den Eindruck, dass ich mit diesem Unwissen nicht allein bin. Ein Porträt über die erste Bürgermeisterin in Afghanistan; die erste Polizistin; die erste Generalin; das erste Frauen-Radio; die ersten weiblichen Mitglieder der Spezialkräfte beim Militär; die erste Taxifahrerin; die erste Rapperin; die erste Boxerin; die erste First Lady – es klingt wie ein Kuriositätenkabinett. Noch absurder sind die Selbstversuche im Burka-Tragen, aufgeschrieben und durchgeführt von deutschen Frauen in deutschen Städten. In solchen Texten – wie in allen anderen, in denen eine Burka auftaucht – ist fast immer die Rede von "Wesen", die "vorbeihuschen". Ich habe Tausende Frauen in Burka gesehen, aber ein "Wesen", das "huscht", ist mir noch nie begegnet.

In Kundus habe ich einmal eine Polizistin getroffen. Sie trug High Heels und eine Netzstrumpfhose unter ihrer Uniform. Sie war sehr hübsch und durchgestylt und hatte ihre Nägel knallrot lackiert. Mit ihren männlichen Kollegen machte sie Witze darüber, dass sie auch gerne mehrere Ehemänner hätte – einer sei einfach nicht genug. Als sie dann rausging, nahm sie ihre Burka vom Garderobenhaken und zog sie sich über. Für sie war die Burka kein Zeichen von Unterdrückung, eher eine Art Schutz vor den Blicken fremder Männer.

Als der Westen vor vierzehn Jahren beschloss, eine internationale Schutztruppe nach Afghanistan zu entsenden, war "Frauenrechte schützen" eine beliebte Rechtfertigung. Mädchenschulen bauen und die Burka verbannen! "Der Kampf gegen den Terror ist auch ein Kampf für die Rechte der Frauen und für ihre Würde", sagte Laura Bush im November 2001, als sie ihren Ehemann bei seiner wöchentlichen Radio-Ansprache vertrat. Entsprechend lagerte sich die Aufmerksamkeit in Politik und Medien. Keine Talkrunde zu Afghanistan, in der nicht auch über die Burka und Frauenrechte gesprochen wurde.

Leylima – die erstaunlichste Frau, die ich kenne

Es stimmt ja: Frauen haben in Afghanistan einen Haufen Probleme – um das zu wissen, muss man nicht in Kabul leben. Trotzdem glaube ich, dass der Fokus auf den Zwang zum Verschleiern nicht hilft. Man macht die Frauen damit fremder, als sie sind. Und ich glaube, die Gefahr ist groß, dass man sich beim Zerren an Burka und Kopftuch in Oberflächlichkeiten verheddert, im Symbolischen. Dann wäre Empörung das Ergebnis aller Mühen, und nicht Veränderung.    

Ich kenne viele starke Frauen, die Kopftuch tragen, in Afghanistan und in Deutschland. Und ich glaube, Emanzipation lässt sich nicht nach Kleidungsstücken bemessen, egal ob Burka oder Bikini.

Wer wirklich etwas weiß über das Leben als Frau in Afghanistan, ist unsere Haushälterin Leylima. Ihr Mann wurde vor fünfzehn Jahren von den Taliban getötet, ihr Schwager auch. Seitdem bringt Leylima nicht nur ihre drei Töchter durch, sondern auch ihre Schwester und deren beiden Kinder. Ihr Bruder ist schwer krank, wenn er stirbt, wird Leylima auch seine Familie mit versorgen müssen.

Leylima ist die erstaunlichste Frau, die ich kenne. Und wahrscheinlich auch die stärkste.

Sie kann weder lesen noch schreiben. Wenn sie jemanden anrufen will, muss sie ihr Handy einem anderen geben, damit er den jeweiligen Namen aus dem Telefonbuch sucht. Aber auf dem Basar verhandelt sie die besten Preise.

In meiner ersten Woche in Kabul kam sie morgens ohne zu klopfen in mein Zimmer, blickte mir ins Gesicht, sagte ein paar Worte auf Dari (wissend, dass ich nichts davon verstand) und wischte mir dann den Schlaf aus den Augen.

Wenn ich in Deutschland bin, ruft Leylima alle paar Tage an, um zu erfahren, wie es meiner Familie geht, ob ich schon schwanger geworden bin und wann ich endlich wieder zurückkomme.

Sie raucht heimlich; nie auf der Straße, weil sich das für eine Frau nicht gehört, dafür manchmal beim Bügeln. Zigaretten und Feuerzeug versteckt sie in ihrem BH.

Über ihre andere Schwester, deren Ehemann noch lebt, macht sie Witze, weil die eine Burka trägt. "Das habe ich seit dem Tod meines Mannes nie wieder gemacht", sagt Leylima dann jedes Mal und lacht.

Eines Nachmittags gab es in unserem Viertel eine Explosion. Am nächsten Morgen fragte ich Leylima, ob alles in Ordnung sei, ob es ihrer Familie gut gehe, ob sie irgendetwas mitbekommen habe von dem Attentat.

"Ich war direkt dort", sagte sie, "auf der Straße. Ich habe gesehen, wie die Leute davongerannt sind. Die Explosion war wahnsinnig laut."

"Bist du okay?"

"Ja, na klar. Mach dir keine Sorgen, Ronja!"

"Bist du sicher? Vielleicht arbeitest du heute lieber nicht? Vielleicht entspannst du dich ein bisschen?"

Sie schaute mich an, als sei ich verrückt geworden. Dann fing sie an zu kichern und sagte: "Nein! Warum sollte ich? Davon wird es doch auch nicht besser."

Zwei Monate später gab es wieder eine Explosion bei uns in der Nähe. Diesmal waren wir beide zu Hause, Leylima in der Küche, ich im Wohnzimmer. Nach dem Knall kam sie zu mir. "Ich glaube, das war nah", sagte sie, "ich gehe mal raus und schaue nach, wo es war."  

"Bist du verrückt? Auf keinen Fall! Setz dich hin!"

Sie lachte und setzte sich hin. Dann sagte sie: "Ich weiß wirklich nicht, warum alle immer so viel Angst auf den Straßen haben. Es kann uns doch überall treffen, auch in den Häusern. Wenn wir sterben sollen, dann sterben wir eben." Ich wollte ein Sprichwort erwidern, das mir ein Freund neulich beigebracht hatte, aber mir fiel nur die deutsche Übersetzung ein: Vertrau auf Gott, aber binde dein Kamel an. Mag ja sein, dass ich überall sterben kann – aber darauf anlegen muss ich es nicht. Stattdessen sagte ich noch einmal: "Bleib lieber hier."

"Dann mach wenigstens den Fernseher an!", sagte Leylima. Das konnte ich nicht; unser Hund hatte das Kabel zerbissen. Also machte ich, was ich meistens mache nach einem Anschlag: bei Twitter suchen, #Kabul.

Ein Foto mit Hausdächern und einer Rauchsäule. Angeblich in der Nähe des Flughafens. Nicht so nah, wie ich dachte. Eigentlich überhaupt nicht nah. "Gibt es noch mehr?", fragte Leylima. Ich klickte alle paar Sekunden auf "Aktualisieren". Nach und nach kamen mehr Neuigkeiten: Die Explosionen waren auf dem militärischen Teil des Flughafens passiert; zwei Raketen waren eingeschlagen, ein Flugzeug zerstört worden; niemand war getötet worden; die Taliban hatten sich zu dem Angriff bekannt. "Wenigstens ist diesmal keiner gestorben", sagte ich. Und weil ich die Stimmung etwas auflockern wollte: "Das ist doch eine gute Nachricht." Leylima nickte. Dann erzählte sie mir von ihrem Ehemann. Sie hatte mir schon öfter davon erzählt, wie er getötet wurde, aber an diesem Tag war es das erste Mal, dass ich alle Worte verstand.

Der Ehemann war damals auf dem Markt, gemeinsam mit Leylimas Schwager. Die beiden wollten Kleidung einkaufen, für sich und für ihre Frauen. Dort wurden sie ermordet. Warum, erzählt mir Leylima nicht, nur wie: Ihren Mann trafen drei Kugeln; in die Brust, in die Schulter, in den Kopf. Ihr Schwager wurde geköpft, und die Angreifer schnitten ihm beide Hände ab. "Hast du ihn so gesehen?", fragte ich. "Ja", sagte sie und rieb sich die Stirn. Sie erzählte, dass die Haut ihres Ehemannes weiß war, als sie ihn das erste Mal sah. Dass schon sein ganzes Blut aus dem Körper geflossen war. Und seine Kleidung rot getränkt. Drei Tage sei er zu Hause aufgebahrt gewesen. Sie selbst war damals im siebten Monat schwanger, mit ihrer jüngsten Tochter.   

Während Leylima erzählte, sagte sie nicht "mein Mann". Sondern "mein Liebling".

Beim nächsten Anschlag sagte sie dann nur einen Satz: Wenn ich einmal bei einem Anschlag sterben sollte, nimmst du meine Töchter mit nach Deutschland?  

Ich weiß nicht, wie es ist, als Frau in Afghanistan zu leben. Ich weiß nur, dass Leylima einen Haufen Probleme hat. Das Kopftuch gehört nicht dazu. Und auch nicht die Burka ihrer Schwester.