Es stimmt ja: Frauen haben in Afghanistan einen Haufen Probleme – um das zu wissen, muss man nicht in Kabul leben. Trotzdem glaube ich, dass der Fokus auf den Zwang zum Verschleiern nicht hilft. Man macht die Frauen damit fremder, als sie sind. Und ich glaube, die Gefahr ist groß, dass man sich beim Zerren an Burka und Kopftuch in Oberflächlichkeiten verheddert, im Symbolischen. Dann wäre Empörung das Ergebnis aller Mühen, und nicht Veränderung.    

Ich kenne viele starke Frauen, die Kopftuch tragen, in Afghanistan und in Deutschland. Und ich glaube, Emanzipation lässt sich nicht nach Kleidungsstücken bemessen, egal ob Burka oder Bikini.

Wer wirklich etwas weiß über das Leben als Frau in Afghanistan, ist unsere Haushälterin Leylima. Ihr Mann wurde vor fünfzehn Jahren von den Taliban getötet, ihr Schwager auch. Seitdem bringt Leylima nicht nur ihre drei Töchter durch, sondern auch ihre Schwester und deren beiden Kinder. Ihr Bruder ist schwer krank, wenn er stirbt, wird Leylima auch seine Familie mit versorgen müssen.

Leylima ist die erstaunlichste Frau, die ich kenne. Und wahrscheinlich auch die stärkste.

Sie kann weder lesen noch schreiben. Wenn sie jemanden anrufen will, muss sie ihr Handy einem anderen geben, damit er den jeweiligen Namen aus dem Telefonbuch sucht. Aber auf dem Basar verhandelt sie die besten Preise.

In meiner ersten Woche in Kabul kam sie morgens ohne zu klopfen in mein Zimmer, blickte mir ins Gesicht, sagte ein paar Worte auf Dari (wissend, dass ich nichts davon verstand) und wischte mir dann den Schlaf aus den Augen.

Wenn ich in Deutschland bin, ruft Leylima alle paar Tage an, um zu erfahren, wie es meiner Familie geht, ob ich schon schwanger geworden bin und wann ich endlich wieder zurückkomme.

Sie raucht heimlich; nie auf der Straße, weil sich das für eine Frau nicht gehört, dafür manchmal beim Bügeln. Zigaretten und Feuerzeug versteckt sie in ihrem BH.

Über ihre andere Schwester, deren Ehemann noch lebt, macht sie Witze, weil die eine Burka trägt. "Das habe ich seit dem Tod meines Mannes nie wieder gemacht", sagt Leylima dann jedes Mal und lacht.

Eines Nachmittags gab es in unserem Viertel eine Explosion. Am nächsten Morgen fragte ich Leylima, ob alles in Ordnung sei, ob es ihrer Familie gut gehe, ob sie irgendetwas mitbekommen habe von dem Attentat.

"Ich war direkt dort", sagte sie, "auf der Straße. Ich habe gesehen, wie die Leute davongerannt sind. Die Explosion war wahnsinnig laut."

"Bist du okay?"

"Ja, na klar. Mach dir keine Sorgen, Ronja!"

"Bist du sicher? Vielleicht arbeitest du heute lieber nicht? Vielleicht entspannst du dich ein bisschen?"

Sie schaute mich an, als sei ich verrückt geworden. Dann fing sie an zu kichern und sagte: "Nein! Warum sollte ich? Davon wird es doch auch nicht besser."

Zwei Monate später gab es wieder eine Explosion bei uns in der Nähe. Diesmal waren wir beide zu Hause, Leylima in der Küche, ich im Wohnzimmer. Nach dem Knall kam sie zu mir. "Ich glaube, das war nah", sagte sie, "ich gehe mal raus und schaue nach, wo es war."  

"Bist du verrückt? Auf keinen Fall! Setz dich hin!"

Sie lachte und setzte sich hin. Dann sagte sie: "Ich weiß wirklich nicht, warum alle immer so viel Angst auf den Straßen haben. Es kann uns doch überall treffen, auch in den Häusern. Wenn wir sterben sollen, dann sterben wir eben." Ich wollte ein Sprichwort erwidern, das mir ein Freund neulich beigebracht hatte, aber mir fiel nur die deutsche Übersetzung ein: Vertrau auf Gott, aber binde dein Kamel an. Mag ja sein, dass ich überall sterben kann – aber darauf anlegen muss ich es nicht. Stattdessen sagte ich noch einmal: "Bleib lieber hier."

"Dann mach wenigstens den Fernseher an!", sagte Leylima. Das konnte ich nicht; unser Hund hatte das Kabel zerbissen. Also machte ich, was ich meistens mache nach einem Anschlag: bei Twitter suchen, #Kabul.

Ein Foto mit Hausdächern und einer Rauchsäule. Angeblich in der Nähe des Flughafens. Nicht so nah, wie ich dachte. Eigentlich überhaupt nicht nah. "Gibt es noch mehr?", fragte Leylima. Ich klickte alle paar Sekunden auf "Aktualisieren". Nach und nach kamen mehr Neuigkeiten: Die Explosionen waren auf dem militärischen Teil des Flughafens passiert; zwei Raketen waren eingeschlagen, ein Flugzeug zerstört worden; niemand war getötet worden; die Taliban hatten sich zu dem Angriff bekannt. "Wenigstens ist diesmal keiner gestorben", sagte ich. Und weil ich die Stimmung etwas auflockern wollte: "Das ist doch eine gute Nachricht." Leylima nickte. Dann erzählte sie mir von ihrem Ehemann. Sie hatte mir schon öfter davon erzählt, wie er getötet wurde, aber an diesem Tag war es das erste Mal, dass ich alle Worte verstand.

Der Ehemann war damals auf dem Markt, gemeinsam mit Leylimas Schwager. Die beiden wollten Kleidung einkaufen, für sich und für ihre Frauen. Dort wurden sie ermordet. Warum, erzählt mir Leylima nicht, nur wie: Ihren Mann trafen drei Kugeln; in die Brust, in die Schulter, in den Kopf. Ihr Schwager wurde geköpft, und die Angreifer schnitten ihm beide Hände ab. "Hast du ihn so gesehen?", fragte ich. "Ja", sagte sie und rieb sich die Stirn. Sie erzählte, dass die Haut ihres Ehemannes weiß war, als sie ihn das erste Mal sah. Dass schon sein ganzes Blut aus dem Körper geflossen war. Und seine Kleidung rot getränkt. Drei Tage sei er zu Hause aufgebahrt gewesen. Sie selbst war damals im siebten Monat schwanger, mit ihrer jüngsten Tochter.   

Während Leylima erzählte, sagte sie nicht "mein Mann". Sondern "mein Liebling".

Beim nächsten Anschlag sagte sie dann nur einen Satz: Wenn ich einmal bei einem Anschlag sterben sollte, nimmst du meine Töchter mit nach Deutschland?  

Ich weiß nicht, wie es ist, als Frau in Afghanistan zu leben. Ich weiß nur, dass Leylima einen Haufen Probleme hat. Das Kopftuch gehört nicht dazu. Und auch nicht die Burka ihrer Schwester.