Im Schatten des Kremls, wo die Große Moskwa-Brücke nahe der Basilius-Kathedrale über den Fluss führt, blieb der Leichnam Boris Nemzows lange unbedeckt liegen. Schnell kursierten Bilder, die den prominenten russischen Oppositionellen nach dem Attentat auf der Brücke in der Nacht zum Samstag zeigen, Polizisten über seine entblößte Brust gebeugt. Ganz so, als reiche die Nachricht vom Tod des 55-Jährigen nicht aus, als sei die Zurschaustellung des hinterrücks von mehreren Kugeln getroffenen Körpers eine weitere Botschaft.

Der Mord an Nemzow war eine Hinrichtung, kaltblütig ausgeführt auf offener Straße in vermeintlich bestens überwachter Umgebung. Mindestens siebenmal sei auf ihn gefeuert worden, sagen die Ermittler, dann sei das weiße Auto mit den Killern weitergefahren. Vier Kugeln trafen Nemzow.

Es braucht nicht viel Phantasie, um politische Motive hinter der Tat zu sehen, das räumen selbst die russischen Behörden ein. Nemzow war einer der schärfsten und unerschrockensten Kritiker der Regierung von Präsident Wladimir Putin – die sich deshalb auch beeilte festzustellen, er habe keine Bedrohung dargestellt. Nemzow selbst sah das offenbar anders: Mehrfach hatte er zuletzt in Gesprächen mit Journalisten gesagt, er fürchte, dass man ihn umbringen könnte, sogar Putin persönlich unterstellte er diese Absicht. Auch habe Nemzow bereits Todesdrohungen erhalten, sagte sein Anwalt nach dem Attentat.

Haufen Scheiße mit Blattgold überzogen

Der 55-Jährige, einst Vizepremier unter Boris Jelzin und Architekt der liberalen Wirtschaftsreformen der neunziger Jahre, im System Putin aber ohne Chance, dürfte sich viele Feinde in Russlands Machtzirkel gemacht haben. Die heutige Regierung sei ein riesiger Haufen Scheiße, nur hauchdünn mit Blattgold überzogen, hatte er einmal gesagt. Nemzow beließ es nicht bei kritischen Äußerungen, er kämpfte gegen die Kleptokratie der Oligarchen, machte etwa in detaillierten Berichten die massive Korruption bei der Vorbereitung für die Olympischen Winterspiele in Sotschi öffentlich. Mehrere Tage saß er im Gefängnis, weil er gegen Haftstrafen für Putin-Gegner demonstriert hatte, einschüchtern ließ er sich davon nicht.

Die Orangene Revolution in der benachbarten Ukraine unterstützte Nemzow 2004 aktiv und beriet Wiktor Juschtschenko. Den Maidan-Umsturz im Nachbarland empfand er als Vorbild, die proeuropäische Regierung in Kiew verehrte er – moderner und demokratischer, so wünschte er sich auch Russland. Als einer der wichtigsten Wortführer der Opposition hätte er an diesem Sonntag einen Protestmarsch gegen die autokratische Politik, deren wirtschaftliche Auswirkungen und den unerklärten Krieg gegen die Ukraine anführen sollen. Nur wenige Stunden vor seinem Tod hatte Nemzow die Bürger im Radio dazu aufgerufen, daran teilzunehmen. Nun wird aus der geplanten Demonstration ein Trauerzug, teilten die Organisatoren mit.

Laut dem früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili hatte Nemzow zuletzt an einem Report gearbeitet, der die direkte Beteiligung des Kremls an der Eskalation in der Ostukraine endgültig beweisen sollte. Den Einsatz russischer Soldaten dort hatte er immer wieder angeprangert. Als ihn in Moskau die Kugeln trafen, soll er mit einer ukrainischen Bekannten unterwegs gewesen sein. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko reagierte schockiert auf die Todesnachricht: "Sie haben Boris umgebracht."

Wunschvorstellung einer transparenten Untersuchung

Die Erfahrung mit politischen Morden in Russland lehrt, dass die genauen Motive und vor allem die Täter wohl auch in diesem Fall nicht bekannt werden. Dass Putin selbst die Ermittlungen überwachen will, hat schon jetzt Befürchtungen geweckt, es werde am Ende wohl höchstens ein Sündenbock gefunden, der für das Attentat herhalten muss. Die "schnelle, unvoreingenommene und transparente" Aufklärung, die US-Präsident Barack Obama fordert, dürfte im heutigen Russland eine Wunschvorstellung bleiben.

Für die Opposition war Nemzow eine Symbolfigur. Sein Tod ist in jedem Fall eine Zäsur. Ob sie den Gegnern Putins noch die letzte Hoffnung auf Veränderung nehmen wird oder die Kritiker der Regierung gerade jetzt anspornt, allen Unterdrückungen zum Trotz ihren Kampf nicht aufzugeben: In beiden Fällen hat der Mord einen düsteren Schatten über die Zukunft Russlands gelegt. Wer auch immer dahintersteht: Putin selbst oder sein Umfeld, die ein weiteres Exempel der Abschreckung statuieren wollten; ein Oligarch, der sich von Nemzows Enthüllungen bedroht sah; ein durch die allgegenwärtige Propaganda aufgewiegelter Patriot – alle Szenarien sind erschreckend.

Die wichtigste Frage bleibt am Ende, ob Putin dieses Russland, in dem eine solche Hinrichtung möglich ist, noch unter Kontrolle hat – gerade wenn er selbst keine Verbindung zu der Tat haben sollte. Seine eigene Theorie, es könne sich um eine politische Provokation handeln, hinter der Unruhestifter stünden, teilt auch der frühere Präsident Michail Gorbatschow: "Natürlich versuchen gewisse Kräfte, das Verbrechen für ihre Ziele zu nutzen, sie denken doch alle darüber nach, wie sie Putin loswerden können", sagte er.