Am 3. Februar 2015 geht die Dänin Inger Støjberg ins Kino. Hinter ihr sitzen ein paar Jungen ausländischer Herkunft und stören: Sie treten gegen die Sitze, kommentieren den Film und werfen mit Süßigkeiten. Inger Støjberg ist genervt.

Als sie nach Hause kommt, schreibt sie einen wütenden Kommentar auf Facebook, Überschrift: "Wann lernt ihr, euch ordentlich zu benehmen?" Und weiter: "Ich bin gerade aus dem Kino nach Hause gekommen, wo eine Gruppe 14- bis 15-jähriger Einwandererkinder hinter mir saß und von Anfang bis Ende gestört hat. (…) Ihr wohnt in Dänemark und ich begreife einfach nicht, warum es so schwer ist, sich anständig zu verhalten. Aus euch wird nichts, wenn ihr so weitermacht."

Fast 40.000 klicken auf "Gefällt mir", 2.350 teilen den Beitrag, 8.700 kommentieren. Und am nächsten Tag steht Inger Støjberg in der Sendung Aftenshowet des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, einer der beliebtesten Sendungen Dänemarks. Sie ist dort nicht zum ersten Mal zu Gast, denn Inger Støjberg ist eine bekannte Politikerin der rechtsliberalen Partei Venstre. Seit 2001 sitzt sie im dänischen Parlament, sie war Arbeitsministerin und Ministerin für Gleichstellung.

Jetzt soll Støjberg erklären, was sie zu dem Kommentar bewogen hat. "Warum war es Ihnen wichtig, zu sagen, dass es Einwanderer waren?", fragt der Moderator. "Weil es eben so war", antwortet Støjberg. Ein eingeladener Journalist mit Migrationshintergrund erwidert, dass sie wegen einiger ungezogener Jungen nicht alle dänischen Einwanderer verunglimpfen könne. Støjbergs Kommentar: "Ich finde, wenn man das nicht sagen darf, dann haben wir ein Problem."

Nur keinen Streit

Støjbergs Auftritt kann man als typisches Beispiel der dänischen Vorstellung von Meinungsfreiheit sehen. Regel Nummer eins: Alles ist möglich. Regel Nummer zwei: keine Widerrede. Das ist der Grund, weshalb eine Spitzenpolitikerin zur besten Sendezeit ihren ausländerfeindlichen Facebook-Beitrag verteidigen darf und niemand deutlich widerspricht.

Was in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern einen Skandal ausgelöst hätte, nehmen die Dänen einfach hin. Streit mögen sie nicht. In einem Beitrag für die Tageszeitung Politiken bringt der dänische Autor Carsten Jensen ein Beispiel: In ihrer Neujahrsansprache hat die deutsche Kanzlerin "Kälte und Hass in den Herzen" der Pegida-Organisatoren verurteilt. "In Dänemark müsste man sich für solche eine Äußerung entschuldigen, wollte man eine Zukunft als Politiker haben."

Spätestens seit 2005 wissen die Dänen, dass ihre Vorstellung von Meinungsfreiheit nicht überall geschätzt wird – vor allem nicht von den Kritisierten. Damals sorgten die Mohammedkarikaturen des dänischen Zeichners Kurt Westergaard in der Zeitung Jyllands-Posten dafür, dass in vielen muslimischen Ländern dänische Flaggen verbrannt wurden, es folgten Terrordrohungen. Mehrfach war die Zeitung das Ziel von Anschlägen, bisher konnten sie verhindert werden. Als ein islamischer Terrorist am Wochenende in Kopenhagen zwei Menschen tötete und fünf verletzte, waren die wenigsten überrascht. Es war nur eine Frage der Zeit, so denken viele.

Im Herbst wird in Dänemark ein neues Parlament gewählt. Die rechtspopulistische Dansk Folkeparti hat gute Chancen, stärkste Kraft zu werden. Noch allerdings regiert die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt. Auf ihren Wahlplakaten steht: "Das Dänemark, das du kennst, will ich bewahren." Eine ähnliche Botschaft richtete sie auch nach den Terroranschlägen an die Bevölkerung: "Wir werden uns von den Terroranschlägen nicht einschüchtern lassen", sagte Thorning-Schmidt auf der Pressekonferenz nach dem Attentat. Alles solle weitergehen wie bisher.

"Es wird nicht genug widersprochen"

Doch darf es wirklich einfach so weitergehen? Ist es erstrebenswert, dass Politiker im Fernsehen gegen Ausländer hetzen – ohne nennenswerte Widerworte?

"Jahrelang haben wir die Konfrontation gesucht, nun haben wir sie bekommen", schreibt Jensen in seinem Politiken-Beitrag. Das Problem mit der Meinungsfreiheit sei nicht, dass sie missbraucht werde. "Es wird nicht genug widersprochen." Es gebe ein offenes und integratives Dänemark, eine Zivilgesellschaft, die versucht, die Mauer, die von Medien und den Politikern erbaut wird, einzureißen. "Doch das tolerante Dänemark werde von keinem Politiker angesprochen. "Es wird nicht aufgefordert, vor den Mikrofonen zu sprechen. Dieses tolerante Dänemark ist dabei, zu verstummen."

Auch im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm findet das tolerante Dänemark während der Diskussion mit Venstre-Politikerin Støjberg keinen Repräsentanten. Der Journalist, der ihr Paroli bieten sollte, erkundigt sich am Ende der Debatte scherzend, welchen Film sie denn eigentlich gesehen habe? American Sniper, lässt Støjberg wissen. Da schlägt der Journalist vor: "Ich habe gehört, der soll gut sein. Wir können ihn gerne zusammen gucken."

Ja, in Dänemark versteht man sich.