Eine Viertelmillion Menschen haben auf den Straßen von Buenos Aires gefordert, den Tod des Staatsanwaltes Alberto Nisman aufzuklären. Einen Monat, nachdem der Sonderankläger tot in seiner Wohnung gefunden worden war, marschierten die Demonstranten in der argentinischen Hauptstadt bei strömendem Regen vom Kongress zum Regierungspalast an der Plaza de Mayo. Viele schwenkten die argentinische Flagge und forderten die Regierung mit Parolen wie "Gerechtigkeit!" und "Wahrheit!" zum Handeln auf.

An dem Marsch, der zugleich eine Protestveranstaltung gegen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner war, beteiligten sich nach Angaben der Hauptstadt-Polizei mehr als 400.000 Menschen. Die Bundespolizei sprach dagegen von lediglich 50.000 Teilnehmern. Die Polizei von Buenos Aires untersteht der Kommunalverwaltung unter dem konservativen Bürgermeister Mauricio Macri, der ein erklärter Gegner Kirchners ist und bei der Präsidentschaftswahl am 25. Oktober kandidieren will. Die Bundespolizei untersteht Kirchners Regierung. Auch in anderen argentinischen Städten fanden am Mittwoch Protestkundgebungen statt.

Nisman hatte die Ermittlungen zum Terroranschlag gegen das jüdische Gemeindehaus Amia im Jahr 1994 geleitet, bei dem 85 Menschen umgekommen waren. Wenige Tage vor seinem Tod hatte er Kirchner beschuldigt, die Strafverfolgung der mutmaßlichen iranischen Drahtzieher des Attentats vereiteln zu wollen. Ziel sei es gewesen, die Wirtschaftsbeziehungen zum Iran zu verbessern. Die Ermittlungen zu Nismans Tod haben bislang noch nicht klären können, ob es sich um Selbstmord oder um Mord handelte.

Zur Kundgebung mit der Forderung nach einer "unabhängigen Justiz" hatten mehrere Staatsanwälte aufgerufen. Die vier aussichtsreichsten Präsidentschaftsanwärter der Opposition für die im Oktober anstehenden Wahlen nahmen teil, unter ihnen der Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri. In anderen Städten Argentiniens wie Rosario, Córdoba und Mar del Plata fanden ähnliche Kundgebungen statt. Es wurden keine Zwischenfälle verzeichnet. Die Regierung hatte die Demonstration als Oppositionsmanöver bezeichnet.   

Die meisten Teilnehmer waren Paare und ältere Menschen aus der Mittel- und Oberschicht. "Ich bin hier, um Gerechtigkeit zu fordern für diesen armen Mann, der sein Leben für die Wahrheit geopfert hat", sagte die 65-jährige Marta Canepa. Die 75-jährige Laura Gismondi sagte: "Wir haben genug von dieser Regierung, von dieser Korruption."

Spannungen zwischen dem Justizsystem und der Regierung

Der Soziologe Rosendo Fraga sagte, die Demonstration sei ein Ausdruck der Forderung vieler Argentinier nach einem Ende der Straflosigkeit. Spannungen zwischen dem Justizsystem und der Regierung gebe es seit Langem, "aber der Fall Nisman hat sie verschärft". Viele Argentinier glauben, die Regierung habe Nisman aus Furcht vor dem Parlamentsauftritt ermorden lassen. Dagegen deuten nach Angaben der Ermittler die Autopsieergebnisse auf einen Suizid hin. Der 51-Jährige starb demnach durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe.

Mit der formellen Beschuldigung durch den inzwischen mit dem Fall befassten Staatsanwalt Gerardo Pollicita könnte Kirchner zu einer Aussage gezwungen werden. Damit die 61-Jährige vor Gericht kommt, müsste das Parlament sie zuvor mit einer Zweidrittelmehrheit absetzen. Kirchners zweite Amtszeit endet in diesem Jahr, sie darf bei der Wahl im Oktober nicht noch einmal antreten.

Die Mitte-links-Regierung bezeichnete den Protestmarsch als Versuch der Destabilisierung. Kirchner und ihre Regierung verließen die Hauptstadt am Mittwoch. Die Präsidentin hielt vor dem Marsch eine Rede in der Stadt Zarate, wo sie ein Atomkraftwerk eröffnete, und appellierte an die Bürger, "die Augen zu öffnen". "Ich spreche nicht von Verschwörung, aber es handelt sich um eine Welt aus Interessen", sagte sie.