Mehr als 20 Jahre nach dem Bürgerkrieg im früheren Jugoslawien verkündet der Internationale Gerichtshof sein Urteil im Prozess um den von Kroatien erhobenen Vorwurf des Völkermords durch Serbien. Das oberste UN-Tribunal in Den Haag muss darüber entscheiden, ob sich Serbien im Krieg mit der abtrünnigen jugoslawischen Teilrepublik Kroatien zwischen 1991 und 1995 schuldig gemacht hat.

Während des Konflikts, bei dem 20.000 Menschen starben, wurden zahlreiche Kroaten im Zuge von "ethnischen Säuberungen" getötet oder vertrieben. Kroatien sieht darin einen Verstoß gegen die UN-Völkermordkonvention von 1948 und reichte deshalb im Jahr 1999 Klage ein. Das Land fordert von Serbien eine Entschädigung. Alle Versuche, den Konflikt außergerichtlich zu lösen, waren gescheitert. 

Doch Kroatien ist nicht nur Kläger. Serbien nämlich weist nicht nur alle Beschuldigungen als haltlos zurück. Es reichte zugleich eine Gegenklage ein. Belgrad macht Kroatien für den Tod von 6.500 Menschen und die Vertreibung von 200.000 Angehörigen der serbischen Minderheit in Kroatien verantwortlich. Diese waren bei der Rückeroberung der Serbenrepublik Krajina durch das kroatische Militär aus dem Land vertrieben worden. 

Schuldspruch gilt als unwahrscheinlich

In Kroatien und Serbien wird der Richterspruch mit Spannung erwartet. Es geht nicht nur um die Zahlung von Kriegsreparationen, sondern auch um die historische Aufarbeitung des grausamen Krieges. Am Ende des Verfahrens könnte eines der Länder als Völkermörder in die Geschichtsbücher eingehen. Ob es jedoch zu einem Schuldspruch kommen wird, ist zweifelhaft. Noch nie wurde ein Staatschef, geschweige denn ein Staat, auf der Grundlage der UN-Konvention von 1948 verurteilt. Experten rechnen nicht damit, dass die 15 höchsten Richter im Den Haager Friedenspalast das ändern werden.

Erst einmal sprach der IGH ein Urteil zur Genozid-Konvention. Das serbische Massaker im ostbosnischen Srebrenica vom Juli 1995 war Völkermord, stellten die Richter 2007 fest. Damals hatten serbische Einheiten rund 8.000 muslimische Jungen und Männer ermordet. Es war das schlimmste Verbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Serbien hatte dies nicht verhindert, urteilten die Richter und kamen dennoch zu dem höchst umstrittenen Urteil: "Das Gericht erklärt mit 13 zu zwei Stimmen, dass Serbien keinen Völkermord verübt hat." 

In Serbien befürchten weder die Regierung noch prominente Juristen die Verurteilung ihres Landes. In diesem blutigen Krieg habe es schlimmste Verbrechen Einzelner gegeben, sagt Juraprofessor Tibor Varadi, doch "die haben nicht das Niveau eines Genozids erreicht".