"Europa wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen werden. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert die Beseitigung der jahrhundertealten Gegensätze."

Obwohl diese feierlichen Worte von Robert Schuman im Jahr 1950 gesprochen wurden und heute übertrieben oder gar überholt erscheinen mögen, hat die wirtschaftliche Krise sie doch wieder hochpolitisch werden lassen.

In dieser Woche erklärte der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, dass sein Land eine "moralische Verpflichtung" habe, für den durch Deutschland während des Zweiten Weltkriegs angerichteten Schaden Reparationen zu fordern. Er sprach von einer "moralischen Verpflichtung für unser Volk, für unsere Geschichte, für alle Europäer, die gegen den Nazismus gekämpft und ihr Leben gelassen haben."

Durch diese Worte wirft uns Tsipras zurück in die Vorkriegs-Logik von Satisfaktion durch Revanche. Es ist eine Rückblende in eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, als es Auge um Auge, Zahn um Zahn ging. Genau diese falsche und primitive Logik wollten Robert Schuman und seine Zeitgenossen überwinden. Sie schafften es, eine radikal andere Logik zu etablieren: einen Schlussstrich unter die antagonistische Vergangenheit zu ziehen und eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln.

Ressentiments überwinden, Partner werden

"Ein in sich zerstrittenes Haus kann nicht bestehen", warnte Abraham Lincoln seine Landsleute. Durch den grausamen amerikanischen Bürgerkrieg zeigte sich der prophetische Charakter von Lincolns Worten. Das Ende des Bürgerkriegs brachte nicht nur das Ende der Sklaverei in Amerika, sondern auch einen großen Sprung nach vorn hin zu einer immer engeren Union. In Europa bedurfte es eines noch blutigeren und zerstörerischen Krieges, um die gleiche Lektion zu lernen: Dass eine in sich zerstrittene Zivilisation nicht bestehen kann. Wenn Schumans Vision uns heute eines lehrt, dann dass der Idealismus sich als unendlich effektiver erwiesen hat als die vorherigen Jahrhunderte von Kriegen, Repressalien und Reparationen.

Indem er Reparationen für den Zweiten Weltkrieg fordert, unterminiert Tsipras die Grundlagen der europäischen Integration. Er ignoriert den enormen, wenn nicht sogar noch nie dagewesenen moralischen und wirtschaftlichen Fortschritt, den wir sichergestellt haben. Anstatt den Gespenstern der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen, sollte er all seine Kraft dafür aufwenden, eine neue Zukunft für Griechenland zu schaffen. Wenn die neue griechische Regierung über die Geschichte sprechen will, dann lasst uns darüber reden, dass Griechenland die Wiege unserer Demokratie und Zivilisation ist. Darüber, wie Europäer in allen Ländern, auch in Deutschland und nicht nur in Griechenland, den Nationalsozialismus und andere barbarische politische Systeme bekämpft haben. Lasst uns darüber sprechen, was uns als Europäer verbindet und wie dies unsere gemeinsame Sache prägt.

Europa steht für eine klare Wahl. Entweder geben wir unseren Versuchungen nach und suchen nach Revanche. Dann können wir die Schuld für unsere Fehler den anderen geben. Oder wir überwinden diese Ressentiments und betrachten andere europäische Länder als unsere Freunde, die uns durch schwierige Reformen als Partner unterstützen. Jedes menschliche Wesen, das sowohl über Vernunft als auch über Mitgefühl verfügt, kennt die richtige Antwort.