Ein "Trojanisches Pferd" und "kein substanzieller Lösungsvorschlag": So hat der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble die griechische Bitte um weitere finanzielle Hilfe abgebügelt. Schäubles griechischer Gegenspieler Yanis Varoufakis hatte zuvor in einem Brief versichert, das Land werde seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen und lasse sich auch weiter von der Troika kontrollieren. Im Gegenzug bat er die Euro-Finanzminister um eine Verlängerung des Hilfsprogramms um sechs Monate (hier der Brief im englischen Original).

Nun sind sich die Kommentatoren in deutschen, griechischen und englischen Medien uneinig, ob Schäubles brüskes Nein gerechtfertigt ist. Und wie es nun um die Einigungschancen steht.

Auf dicken schwarz-rot-goldenen Balken schreibt die Bild: "Deutschland sagt Danke, Wolfgang Schäuble!" Im Text freuen sich die vier Autoren über die "Riesen-Watschn für die Griechen-Raffkes" und stellen klar: "Milliarden-Geschenke fürs griechische Volk ­ und wir sollen sie bezahlen. Das macht Schäuble nicht mehr mit!" Zu EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der sich für eine Einigung mit Griechenland einsetzt, schreibt die Boulevardzeitung: "EU-Juncker macht Griechen falsche Hoffnungen" und schimpft: "Juncker mischt sich immer wieder ein!"

Der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner jubelt Schäuble zu: "Ich vertraue diesem Gesicht. Ich vertraue diesem Mann im Rollstuhl. Die Extremos von Griechenland, die Superhelden mit Rocker-Stiefeln, sie werden sich die Zähne ausbeißen an diesem Mann aus Deutschland."

Bei Spiegel Online plädiert Christian Rickens für ein neues Hilfsprogramm: "Griechenland hat kein Recht auf eine weitere Chance. Und sollte sie trotzdem bekommen." Denn: "Selbst wenn nur eine Zehn-Prozent-Chance besteht, dass der Weg des Nachgebens zum Erfolg führt – ihn zu gehen ist den Versuch wert. In diesem Fall hätten wir in einigen Jahren immerhin einen griechischen Staat, in dem es etwas gerechter zuginge als unter den korrupten Regierungen der vergangenen Jahrzehnte. Und der womöglich tatsächlich ab 2020 beginnen könnte, seine Schulden gegenüber Deutschland abzutragen. Das extrabreite Grinsen, mit dem Varoufakis der Bundesregierung den ersten Scheck überreicht, müssten wir allerdings in Kauf nehmen."

Auf n-tv.de kommentiert Hannes Vogel: "Wir sind nicht besser als die Griechen." Deutschland setze sich im Schuldenstreit mit Athen auf ein hohes moralisches Ross. "Wir sollten endlich davon absteigen. Denn nicht nur laufen wir ständig Gefahr, mit lautem Plumps herunterzufallen. Wir werden auch die Euro-Krise so nicht lösen." Man könne dem kommenden Zahlungsausfall viele Namen geben: "Schuldenschnitt, Umschuldung oder auch zinslose Anleihen mit ewiger Laufzeit. Es läuft auf dasselbe hinaus: Wir werden zumindest einen Teil unseres Geldes nicht wiedersehen."

In der Süddeutschen Zeitung wirft Außenpolitik-Chef Stefan Kornelius der griechischen Regierung vor: "Die Regierung Tsipras trägt an dieser Eskalation maßgeblich die Verantwortung. Das Spiel mit verdeckten Karten, die indirekte Manipulation über die Veröffentlichung von Gesprächsprotokollen, die Unaufrichtigkeit – dieser Verhandlungsstil zerstört alles Vertrauen." Er sieht nun Schäuble in der politischen Klemme: "In Deutschland droht die AfD, und selbst die Koalition ist jetzt vom Spaltpilz der Regierung Tsipras infiziert."

Inhaltlich gibt er Schäuble Recht: "Schäubles wichtigster Einwand hat Bestand: Griechenland gibt weder eine verbindliche Zusage, dass es die Kreditregeln einhält, noch gibt es bindende Regeln für die Reformauflagen. Der Brief steckt voller Interpretationsfallen, die jedem Vertragsexperten den Schlaf rauben müssen. Diese Vereinbarung aber braucht Klarheit, und was nicht klar zu lösen ist, muss in Begleitpapiere gepackt und notfalls mit Vertrauen aufgefüttert werden. Doch davon ist eben nichts mehr übrig."

Der Wirtschaftsressortleiter der Neuen Zürcher Zeitung Peter A. Fischer spricht sich für einen Euro-Austritt Griechenlands aus: "So gesehen würde die radikalere Lösung einer Zahlungsunfähigkeit Griechenlands, verbunden mit einem Austritt aus der Euro-Zone, wohl beiden Seiten bessere Dienste erweisen. Griechenland müsste eigenverantwortlich einen neuen Reformweg finden. Und der Rest der Euro-Zone hätte künftig klare Alternativen vor Augen: harte, aber wirkungsvolle marktwirtschaftliche Reformen innerhalb des Systems oder ein Austritt à la Griechenland. So aber könnte Varoufakis am Schluss doch noch recht behalten: Die Euro-Zone läuft mit ihrer endlosen griechischen Tragödie Gefahr, den Kapitalismus durch Sozialisierung und Vergemeinschaftung unhaltbarer Risiken ad absurdum zu führen."