Die Terrormiliz des selbst ernannten "Islamischen Staates" (IS) sorgt mit ihren Gräueltaten und ihrem Vormarsch weltweit für Schlagzeilen, doch über ihren öffentlichkeitsscheuen Chef Abu Bakr al-Bagdadi ist relativ wenig bekannt. Einem Rechercheteam von Süddeutscher Zeitung (SZ), WDR und NDR ist es nun gelungen, mithilfe von Dokumenten und Zeugenaussagen ein genaueres Bild des irakischen Dschihadisten zu zeichnen.

Den Recherchen zufolge liebte der kurzsichtige Al-Bagdadi schon früh die Macht, wurde aus medizinischen Gründen vom Wehrdienst befreit und arbeitete als Muezzin und Lehrer für Koran-Rezitation, ehe er während des irakischen Bürgerkrieges zum Terroristen wurde. Zum Charakter des selbst ernannten Kalifen sagte ein Freund Al-Bagdadis aus Kindertagen dem Rechercheteam: "Er war immer besessen von Macht, er liebte es, mächtig und einflussreich zu sein." Dennoch seien "alle total überrascht" gewesen, ihn plötzlich als IS-Chef zu sehen.

Bei der zentralen Frage, was zur Radikalisierung Al-Bagdadis führte, vermutet das Rechercheteam, dass seine Haft in einem US-Gefangenenlager im Irak entscheidend war. Aus unklaren Gründen wurde er am 4. Februar 2004 verhaftet und zehn Monate lang im US-Camp Bucca im Süden des Irak gefangen gehalten. In dem Lager seien sowohl radikale Prediger als auch entlassene irakische Soldaten und Geheimdienstler Zelle an Zelle inhaftiert gewesen. Schon bald hätten sich Verbindungen zwischen Dschihadisten und kampferprobten Militärs geformt – fast die gesamte heutige Führungsspitze des IS habe hier eingesessen.

Den gesammelten Dokumenten zufolge stammte der am 1. Juli 1971 als Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri geborene Iraker aus einer geachteten und sehr religiösen Bauernfamilie, die am Rande der Stadt Samarra lebte. Al-Bagdadi sei als ordentlicher Schüler eingestuft worden, der besonders gut in Mathematik und Erdkunde war, sich aber mit Englisch schwer tat. Einmal blieb er sitzen, seinen Abschluss machte Al-Bagdadi den Recherchen zufolge im September 1991. In seinem Abiturzeugnis seien ihm 481 von 600 möglichen Punkten zugesprochen worden.

Noch schlimmste Gräueltaten gerechtfertigt

Nach dem Abitur 1991 hatte Al-Bagdadi zunächst Jura in Bagdad studieren wollen, wofür aber seine Note nicht ausreichte. Daraufhin entschied er sich für Islamische Rechtsprechung und wechselte später in die Koranwissenschaft. Bis zum Studienabschluss brauchte Al-Bagdadi den Unterlagen zufolge lange: Erst 1999 legte er seine Abschlussarbeit vor. Nach seiner Haft arbeitete der Terrorchef in Bagdad als Muezzin und schrieb an seiner Doktorarbeit in Theologie, die er im März 2007 einreichte. Seinem Doktorvater zufolge enthielt die Dissertation viele Rechtschreibfehler und falsche Präpositionen, wurde aber dennoch später mit "sehr gut" bewertet.

Nachdem Al-Bagdadi den Doktorgrad in Islamischer Theologie erlangt habe, sei er offenbar in den Untergrund gegangen, schreibt die SZ. Beim IS machte er laut NDR vor allem deshalb rasch Karriere, weil es ihm gelinge, "noch für schlimmste Gräueltaten eine religiöse Rechtfertigung" zu finden. Al-Bagdadi steht seit 2010 an der Spitze der Terrormiliz. Im vergangenen Sommer rief er in Syrien und im Irak ein "Islamisches Kalifat" aus und ernannte sich selbst zum Kalifen.

Für ihre Recherchen sprachen die Journalisten mit Nachbarn und Freunden in Bagdad und in seiner Heimatstadt Samarra. Nach langem Drängen hatte auch das Büro des irakischen Regierungschefs Haider al-Abadi seine Unterstützung zugesagt. Unter den gesammelten Dokumenten befinden sich laut NDR sechs bislang unbekannte Fotos und Kopien von Al-Bagdadis Abiturzeugnis, seiner Studentenakte der Universität Bagdad sowie seiner Staatsbürgerschaftsurkunde. Für die vom IS geäußerte Behauptung, der Terrorchef stamme vom Stamm des Propheten Mohammed ab, fand das Rechercheteam hingegen keinerlei Belege.