In Jordanien hoffte die Terrormiliz zunächst, den Unmut über die Westbindung von König Abdullah auszunutzen. Viele seiner Untertanen wollten weder der Luftkriegsallianz gegen den Islamischen Staat beitreten, noch waren sie besonders erfreut über Abdullahs Teilnahme bei der Trauerversammlung diverser Staatschefs in Paris nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo

Dieses IS-Kalkül funktionierte, solange die jordanische Öffentlichkeit glaubte, der Pilot Muas al-Kasasba sei noch am Leben. Seine höllisch inszenierte Ermordung hat nun in Jordanien die Reihen hinter dem König fest geschlossen. Und nicht nur dort: vom obersten Religionsgelehrten der Al-Azhar in Kairo, der wichtigsten Institution des sunnitischen Islam, kam die Aufforderung, IS-Kämpfer zu töten und zu kreuzigen.

Allerdings ist Jordaniens König nun ein Getriebener des kollektiven Schreis nach Rache. Die Exekution zweier lange inhaftierten islamistischen Attentäter ist dem Volk nicht genug. Die Frage ist, was Abdullah folgen lässt: Luftangriffe gegen den IS in Syrien? Eine Repressionswelle gegen Sympathisanten sunnitischer Extremisten im eigenen Land? Letzteres wäre genau das, was der IS sich wünscht. Ersteres birgt die Gefahr, dass syrische Zivilisten getötet werden.

Jeder kocht sein eigenes taktisches Süppchen

Genau darin steckt das militärische Dilemma der US-geführten Allianz gegen den IS: Den Kampfbombern gehen die Ziele aus. Die USA geben an, seit Juni 2014 über 2.000 Luftangriffe gegen den IS geflogen, mehrere Tausend Kämpfer (darunter auch diverse Anführer) getötet, sowie einen erheblichen Teil der militärischen Ausrüstung zerstört zu haben. Inzwischen aber fahren die Terroristen längst nicht mehr in leicht erkennbaren Konvois durch die Gegend, ihre Kämpfer mischen sich unter die Zivilbevölkerung.

Die einzigen Bodentruppen, die Terrain erobern und sichern können, sind bis auf Weiteres die kurdische PKK und ihr syrischer Ableger, die PYD, außerdem die kurdischen Peschmerga im Nordirak, sowie schiitische Milizen im Süden und Zentrum des Landes. Die sind durchaus erfolgreich. Doch unterminieren sie auch immer wieder das Ziel, den IS zu schwächen. Im Irak haben schiitische Milizen in den vergangenen Monaten wiederholt Massaker an sunnitischen Zivilisten begangen. Die politische Dominanz der Schiiten, die Brutalität ihrer Kämpfer und die Ausdehnung ihrer Schutzmacht Iran haben das Umfeld geschaffen, in dem der IS im Irak gedeihen kann. Und in einigen sunnitischen Provinzen wird er sich wohl auf Dauer festsetzen. Ein geschrumpftes Kalifat also. Auch kurdische Peschmerga provozieren sunnitische Ressentiments, indem sie Land einnehmen, das die Sunniten als ihres ansehen.

In Syrien nutzt das Assad-Regime die carte blanche, die ihm die USA faktisch ausgestellt haben, indem es die Stellungen von Rebellen bombardiert, die ihrerseits auch gegen IS kämpfen. Assad fürchtet sie mehr als den "Islamischen Staat", den er immer noch braucht, um sich als die "Alternative gegen den Terrorismus" zu verkaufen.

Innerhalb der informellen Anti-IS-Koalition, zu der sich ungefragt auch Teheran und Damaskus zählen, kocht also jeder sein eigenes taktisches Süppchen – auch wenn davon am Ende eben jener Feind profitiert, der als das "Böse" schlechthin bekämpft werden soll. Solange das so bleibt, bleibt auch der IS.