Für Abu Alkakaa ist es normal, Dieben die Hände abzuhacken und unvollständig verschleierte Frauen zu prügeln; er findet es gerecht, Schiiten, Alawiten und "Ungläubige" zu töten. Alles kein Problem. Erst als er sieht, dass seine Mitkämpfer unbewaffnete Einwohner in seiner syrischen Heimatprovinz hinrichten, wird es sogar Abu Alkakaa zu viel. An einem heißen Sommertag im August 2014 beschließt er zu fliehen.

Von da an grübelt der 26-Jährige tagelang, wie er seinen Posten an der irakisch-syrischen Front gefahrlos verlassen kann. Er sucht, prüft und verwirft immer neue Ausreden oder Erklärungen. Und dann ist da auch noch sein Gewissen, das ihn plagt: Denn Lügen sind haram, verboten, schmutzig. Ist es richtig, jene Männer zu täuschen, denen er noch bis vor Kurzem als Brüder und Kampfgenossen vertraut hat?

Eins ist ihm klar: Sollten die früheren Freunde von seinen Zweifeln erfahren, seine Pläne auch nur ahnen, dann würden sie ihn töten. Die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS), der er sich vor über einem Jahr angeschlossen hat, fordert willenlosen Gehorsam. "Das kann nur Allah von mir verlangen", sagt Abu Alkakaa.

Flucht also.

Seit zehn Tagen versteckt sich Abu Alkakaa schon in der Wohnung eines Bekannten, irgendwo in einer türkischen Stadt. Wo genau er sich aufhält, will der junge Muslim nicht verraten. Das Gesicht möchte er nicht zeigen, seinen richtigen Namen nicht nennen. Abu Alkakaa ist sein Nom de Guerre, nach einem radikalen Prediger, der 2007 in der syrischen Stadt Aleppo ermordet wurde. Abu Alkakaa ist untergetaucht und will unerkannt bleiben. Nicht nur vor den türkischen Behörden, sondern auch vor den Spitzeln des "Islamischen Staates", die überall in der Türkei neue Kämpfer rekrutieren.

Es gibt inzwischen viele junge Männer, die angeblich den "Islamischen Staat" verlassen haben und die ihre vermeintlichen Geschichten an westliche Medien verkaufen möchten. Oft sind es Aufschneider und Maulhelden, die ihr Leben vor Journalisten zum großen Drama aufbauschen. ZEIT ONLINE hat sich entschieden, weder potenzielle Terroristen finanziell zu unterstützen, noch ihnen ein Forum für ihre Propaganda zu liefern.

Vom Chemiestudenten zum IS-Kämpfer

Abu Alkakaa will kein Geld, nur reden – und absolute Anonymität. Zweimal musste das geplante Gespräch aus Sicherheitsgründen verschoben werden. Den Kontakt zu ihm haben mehrere vertrauenswürdige Informanten in Syrien und der Türkei ermöglicht. Sie bestätigen auch seine Angaben.

Erst am 15. September kam die Skype-Verbindung in sein Versteck zustande. Die Kamera zeigt ein kleines Apartment mit kahlen Wänden. Abu Alkakaa huscht einmal kurz durch das Bild, sitzt anschließend auf einem braunen Sofa. Dann bittet er, die Kamera auszuschalten. Von nun an ist nur noch seine hohe, leise Stimme zu hören.

Abu Alkakaa erzählt ruhig und überlegt, ohne Reue. Ein Mann, der sich nicht rechtfertigt, weil er mit sich im Reinen ist. Er gibt einen nüchternen Einblick in das Innenleben des "Islamischen Staates". Während er erzählt, ist im Hintergrund das Lachen spielender Kinder zu hören.

Abu Alkakaa stammt aus einer moderaten sunnitischen Familie. Er studiert Chemie in Damaskus, als 2011 der Bürgerkrieg ausbricht. Monate später haben Rebellen ganze Landstriche erobert, das Regime von Baschar al-Assad verliert vielerorts die Kontrolle. Salafisten, lange verboten und verfolgt in Syrien, nutzen das Machtvakuum. Während die verschiedenen Oppositionsgruppen für eine demokratische Gesellschaft kämpfen, rekrutieren radikale Prediger junge Gläubige für den bewaffneten Kampf gegen die säkulare Regierung in Damaskus.

Auch Abu Alkakaa will an die Waffe. Er bricht sein Studium ab, kehrt in seine Heimatstadt Deir Ezzor zurück und schließt sich dort einer kleinen Gruppe Salafisten an. Ihr Ziel: Ein islamischer Staat auf Grundlage des Korans und mit der Scharia als Rechtsprechung. Monatelang kämpfen sie mit wechselnden Verbündeten gegen die Truppen von Baschar al-Assad. Kleine, schlecht ausgerüstete Trupps, die Hinterhalte legen, aber nicht viel ausrichten können, während die syrische Luftwaffe Deir Ezzor in eine Trümmerlandschaft verwandelt.