Die Fotomontagen zirkulierten schnell via Facebook und WhatsApp: Da sitzt Sara Netanjahu auf einem Fahrradsattel und schleppt riesige Säcke voller Plastikflaschen mit sich, ungefähr dreimal so groß wie sie selbst. Jeder wusste, worum es ging. Die Frau des israelischen Premiers hat in den vergangenen Jahren Pfandgeld für Flaschen einbehalten, die mit Staatsgeld erworben wurden. Sie soll sogar eigens den Kauf kleiner Flaschen angeordnet haben, um den Wert zu steigern. Nur eine Lappalie? Monatlich sei dabei immerhin ein Mindestlohn zusammengekommen, konterten Jitzchak Herzog und Tzipi Livni vom zionistischen Lager, die Benjamin Netanjahu gemeinsam bei der Wahl am 17. März im Amt ablösen wollen.

Der noch amtierende Premier spricht von "falschen Anschuldigen" und einer "Schmutzkampagne", die gegen ihn gerichtet sei. In einem Wahlkampfspot seiner Likud-Partei sieht man Netanjahu staatstragend bei der Arbeit am Schreibtisch, permanent gestört von einem Berater, der ihm Zeitungsberichte über so krasse Vergehen wie schmutzige Tassen im Abwaschbecken überbringt. Seine Botschaft ist klar: Es gibt in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun. Zudem macht er gern die Medien für die negative Berichterstattung verantwortlich. In der Vergangenheit hat es dem Premier sogar genutzt, wenn er sich in die Rolle des von den Journalisten verfolgten Opfers begeben konnte.

Den Bericht der staatlichen Aufsichtsbehörde, der an diesem Dienstag veröffentlicht werden soll, wird er allerdings nicht so einfach abtun können. Deren Chef, Joseph Shapira, ist dafür Beschwerden über exzessive Ausgaben im Umfeld des Premierministers nachgegangen, die ihn im Mai 2013 erreicht hatten. Unter die Lupe genommen wurden die Verwendung von Steuergeldern in der offiziellen Residenz in Jerusalem ebenso wie im privaten Haus der Netanjahus in Caesarea. Es geht um luxuriöse Caterings, Gärtnerarbeiten, Schuhe und Friseure. Die jüngste Bottlegate-Affäre ist da noch gar nicht mit eingeschlossen.

Netanjahu mag sich damit herausreden, dass seine Frau und er nur ein wenig übertrieben haben, es aber letztlich ein repräsentatives Amt sei, das man würdig führen müsse. Vielleicht klappt das sogar. Ihr Verhalten steht dennoch für einen Normenverfall, der mittlerweile weite Kreise gezogen hat. Fast täglich gibt es neue Berichte über Amtsmissbrauch und Verschwendung öffentlicher Gelder.

An korrupte Parteien gewöhnt

Unter den Mitgliedstaaten der OECD rangiert Israel an zweiter Stelle (hinter Griechenland), wenn es um die Wahrnehmung geht, die Regierenden seien an ihrem eigenen Wohl und nicht dem der Allgemeinheit interessiert. 80 Prozent der Israelis glauben auch, persönliche Kontakte seien sehr wichtig, um im öffentlichen Sektor etwas voranzubringen. Politische Parteien gehören ihrer Ansicht nach mit zu den korruptesten Institutionen. Im Kontrast dazu steht die Bereitschaft, die Dinge zu verändern: 98 Prozent der Befragten sind demnach willens, sich im Kampf gegen die Korruption zu engagieren.

Hinter den aktuellen Anschuldigungen mag auch stehen, dass mancher vor allem auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um auszupacken – vor Wahlen hat das alles eine zusätzliche Brisanz. Das mindert aber nicht das Gewicht der Vorwürfe. Auch Außenminister Avigdor Lieberman hat es getroffen. Seine Partei Israel Beitenu ist in den Umfragen tief gefallen, seit bekannt wurde, dass prominente Vertreter es sich auf Staatskosten gut gehen ließen. Im Zentrum der Affäre, die immer weitere Kreise zieht, steht die mittlerweile zurückgetretene stellvertretende Ministerin für interne Angelegenheiten, Faina Kirschenbaum. Sie will sich nun auch nicht mehr in die Knesset wählen lassen.

Andere wiederum sind überhaupt erst in die Politik gegangen, um wieder klare Maßstäbe herzustellen. Yair Lapid hatte es bei der jüngsten Wahl mit seiner neu gegründeten Zukunftspartei erfolgreich geschafft, Politikverdrossenheit und soziale Abstiegsängste der Mittelklasse in Wählerstimmen umzumünzen. Sein Slogan lautete: Wohin geht das Geld? Lapid, bis vor Kurzem noch Finanzminister, distanziert sich jetzt von seinem Regierungschef. Er wirft ihm vor, jegliche Bodenhaftung verloren zu haben. Netanjahu sei völlig losgelöst von der Lebenswirklichkeit und den Sorgen der Bürger, sagte Lapid auf einer Wahlkampfveranstaltung am Wochenende. Während seiner fast zweijährigen Amtszeit habe er einen Premier erlebt, dem es vor allem darum gegangen sei, im Amt zu bleiben.