Der libysche Zweig der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" hat offenbar die Universität der östlichen Stadt Sirte eingenommen. Die Extremisten hätten das Gebäude unter ihre Kontrolle gebracht, sagte ein Dozent der Hochschule. Die Kurse würden vorerst ausfallen, und die Prüfungen seien verschoben worden.

Schon in der Vorwoche hatten die Dschihadisten in Sirte eine Rundfunkstation und mehrere Verwaltungsgebäude in ihre Gewalt gebracht. Sirte ist die Heimatstadt des 2011 gestürzten und getöteten Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi und liegt 450 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis. Die Eroberung von Sirte ist von großer Bedeutung: Die Stadt hat einen wichtigen Ölhafen und gilt als wichtiger Knotenpunkt der Küstenstraße zwischen Tripolis und weiteren Öl-Terminals entlang der Küste.

Augenzeugen schilderten, dass ein IS-Konvoi aus 60 Geländewagen am Mittwochabend durch Sirte gefahren sei. Am Donnerstag tauchte ein Video auf, das vermummte Dschihadisten mit der schwarzen IS-Flagge zeigt. Sie stehen auf mit Raketenwerfern bestückten Pritschenwagen.

Die Lage in dem nordafrikanischen Land ist seit dem Bürgerkrieg und dem Tod Gaddafis im Jahr 2011 unsicher. Seit dem vergangenen Jahr stehen sich zwei Regierungen mit Unterstützung rivalisierender Milizen gegenüber. Die international anerkannte Regierung sitzt in Tobruk im Osten Libyens, die islamistisch beeinflusste Gegenregierung in der Hauptstadt Tripolis. Zudem fasst nun auch die IS-Miliz zunehmend Fuß in dem Land. Über die wahre Ausbreitung des IS in Libyen gibt es kaum verlässliche Berichte. Die Miliz soll bislang die Hafenstadt Derna unweit der ägyptischen Grenze kontrollieren und auch in den Städten Tripolis und Bengasi operieren. Vergangenen Sonntag veröffentlichten die Dschihadisten ein Video, das die Enthauptung mehrerer entführter ägyptischer Christen zeigt. Ägypten flog daraufhin Luftangriffe gegen IS-Stellungen in Libyen.

UN-Sicherheitsrat lehnt Waffenlieferungen ab

Libyens Außenminister Mohammed al-Dairi hatte am Mittwoch auf einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates eine Aufhebung des Waffenembargos gegen sein Land gefordert, damit die Regierungstruppen den IS besser bekämpfen können. Mehrere Mitglieder des UN-Gremiums stehen der Lieferung von Waffen aber ablehnend gegenüber. In einer gemeinsamen Erklärung hatten die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien noch am Dienstag einer "politischen Lösung" des Konflikts in Libyen den Vorzug gegeben.

Auch Großbritannien lehnt Waffenlieferungen ab. "Wenn wir einer der rivalisierenden Parteien in Libyen Waffen gäben, brächte uns das einer Lösung der Krise in dem Land nicht näher", sagte der britische Außenminister Philip Hammond nach einem Treffen mit seinem spanischen Amtskollegen José Manuel García-Margallo in Madrid. "Europa würde dadurch nicht sicherer, sondern es würde sich einer noch größeren Bedrohung aussetzen." 

Angesichts des Vormarsches des Islamischen Staats in Libyen haben die beiden Staaten sich für eine Regierung der nationalen Einheit in dem nordafrikanischen Land ausgesprochen. García-Margallo sagte, eine Einheitsregierung in Libyen könnte zu einem legitimen Gesprächspartner für die Weltgemeinschaft werden. "Sie müsste von den anderen Staaten der Region unterstützt werden, die in der Libyenkrise ein wichtiges Wort mitzureden haben."