Der Hund aus dem Cartoon ist klein, dafür aber kaum zu halten. Er zerrt an einer Leine in den Farben der US-Flagge. "Warum feiert man den Tag des Sieges in Moskau?" – fragt der Hund mit dem Gesicht des polnischen Außenministers Grzegorz Schetyna. "Weil ich in Berlin bin!", antwortet ein sowjetischer Soldat, der in der einen Hand ein Schwert und in der anderen ein Kind hält – genauso wie das Ehrenmal im Berliner Treptower Park. Am Ende durchschlägt der Soldat den Hund mit dem Schwert.

Die Karikatur wurde neulich von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti unter dem Titel Die verdrehte Geschichte veröffentlicht. Anlass war eine Äußerung Schetynas im polnischen Radio. Er finde, die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes müssten nicht zwangsläufig in Moskau stattfinden. Als Alternativen brachte er Berlin oder London ins Spiel.

Auch zuvor hatte Schetyna sich mit geschichtspolitischen Äußerungen bereits Ärger zugezogen. So hatte er unlängst behauptet, nicht die Russen, sondern die Ukrainer hätten Auschwitz im Winter 1945 befreit. Das ging allerdings selbst den nationalkonservativen Politikern der polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit zu weit.

Die russische Botschaft reagierte empört. "Der Außenminister hat nicht nur sich selbst, sondern die ganze polnische Außenpolitik mit Schande bedeckt", so der russische stellvertretende Außenminister Grigorij Karasin.

So angespannt wie seit 25 Jahren nicht

Das polnisch-russische Verhältnis ist derzeit so angespannt wie in den vergangenen 25 Jahren nicht. Es vergeht keine Woche, ohne dass es zu neuen Konflikten kommt. Vor ein paar Tagen forderte Russland polnische Diplomaten auf, das Gebäude in Sankt Petersburg, in dem sich das polnische Generalkonsulat befindet, zu verlassen. Der angebliche Grund dafür: Warschau schulde Moskau 1,1 Millionen US-Dollar Miete. Polen bezweifelt das. Die Drohung habe rein politische Gründe, glaubt man.

Auch der Vorschlag von Polens Präsidenten Bronisław Komorowski, die Gedenkfeier an das Kriegsende besser auf der Danziger Halbinsel Westerplatte zu veranstalten, weil dort der Krieg begann, hat die Spannungen weiter verschärft.

Grundsätzlich werden die Russen in Polen eben nur bedingt als Befreier gesehen. In jeder Familie findet sich jemand, der Vergewaltigungen, Morde und Diebstähle miterlebt hat, als die Rote Armee 1945 ins besetzte Polen einmarschierte. Daraufhin folgten dann 45 Jahre Kommunismus unter Moskaus Herrschaft.

Angst vor Russlands "Sorge"

In diesen Zeiten habe man gelernt, Worten zu misstrauen, schrieb der polnische Schriftsteller Józef Mackiewicz unlängst. Wenn die Sowjetunion zum Beispiel bekannt gab, sie blicke auf ein Land "mit Sorge", konnte man sicher sein, dass dort demnächst sowjetische Truppen einmarschieren und einen Krieg beginnen würden.

So war das schon am 17. September 1939, als die Sowjets den östlichen Teil Polens besetzten, weil sie sich "Sorgen" um die dort lebenden Russen machten. In Wahrheit aber war die Teilung Polens zuvor mit Hitlerdeutschland abgemacht worden. Nach dem Krieg machte sich die Sowjetunion dann noch "Sorgen" um andere Länder: 1956 um Ungarn, 1968 um die Tschechoslowakei oder 1979 um Afghanistan.