Poroschenko inszeniert sich immer wieder gerne als Mann der Front – zuletzt in Kramatorsk, wo er im Tarnanzug Einschusslöcher abschritt. Und es wirkt. "Schande in Richtung des Präsidenten zu schreien, der zugleich Oberbefehlshaber ist, wenn im Lande Krieg herrscht, und das noch dazu am Jahrestag, an dem der Opfer des Maidan gedacht wird?" schreibt der Kiewer Politologe Taras Beresowets auf seiner Facebook-Seite. "Man kann zum Präsidenten stehen, wie man will – aber man darf nicht so heuchlerisch und gegen das eigene Land sein."

Maria, eine Juristin, ist zwar auch kein großer Poroschenko-Fan, aber sagt: "Wir müssen zusammenhalten. Es bringt doch nichts, wenn wir einen dritten Maidan machen. Dann wird alles nur noch schlimmer. Damit schaffen wir bestimmt keinen Frieden."

Und so sah es am Sonntag, als Poroschenko mit dem deutschen Präsidenten Joachim Gauck durch die Kiewer Straßen zum "Marsch der Würde" schritt, auch wieder nach Schulterschluss aus. Immer wieder rief Poroschenko "Herojam Slawa!" in die Menge, Ruhm den Helden. Sogar ukrainische Journalisten stimmten in die Schlachtrufe ein. Die patriotischen Parolen griffen.

Vertrauensverlust ist relativ

Sicher gebe es Kritik an Poroschenko, sagt Politologe Fesenko: "Es ist außerdem ein ungeschriebenes Gesetz, dass ukrainische Präsidenten am Ende ihres ersten Amtsjahres in Umfragen absinken." Bei der derzeitigen ökonomischen, sozialen und militärischen Lage im Land sei ein Rating von fast 50 Prozent somit eigentlich eine Sensation. Damit ist Poroschenko immer noch einer der beliebtesten Politiker des Landes.

Und Poroschenko weiß, wann er sich in Szene setzen muss – und wann nicht. Vor den Parlamentswahlen im Herbst nannte er die Partei Solidarnost in Block Petro Poroschenko um, um Wählerstimmen anzuziehen. Doch bei den Wahlveranstaltungen trat er kaum in Erscheinung, da er selbst ja "nicht zur Wahl stehe", wie es dazu aus der Wahlkampfzentrale hieß.

Bei diesen Parlamentswahlen schnitt der Block mit knapp 22 Prozent enttäuschend ab und wurde Zweiter hinter der Partei Volksfront von Premier Arseni Jazenjuk. Jazenjuk vertritt eine härtere Linie im Donbass-Konflikt und gewann wohl auch deshalb. Dass Poroschenkos Sohn über ein Direktmandat in die Werchowna Rada einzog und der Poroschenko-Vertraute Wolodymyr Grojsman schon als sicherer nächster Premier gehandelt wurde, ging dann vielen Ukrainern doch zu weit. Damals hieß es: Lieber eine Doppelspitze aus Jazenjuk und Poroschenko, statt zu viel Machtkonzentration auf eine Person.

In den Geschäften stöhnen die Kiewer über gestiegene Preise, setzen aber gleich hinzu: "Das ist eben der Preis für unsere Unabhängigkeit." Dass wegen des Krieges Reformen liegen bleiben, sehen die meisten Ukrainer Poroschenko derzeit nach.