Endlose Plakatreihen säumen die Nilbrücken und Durchgangsstraßen. Fast von jedem Laternenpfahl der ägyptischen Hauptstadt lächelt Wladimir Putin milde auf die staugeplagten Autofahrer herab. Niemals zuvor wurde ein ausländischer Staatschef, der am späten Nachmittag in Kairo eintraf, mit einer derart flächendeckenden Begrüßungskampagne hofiert. "Putin ein Held dieser Zeit" titelte die Staatszeitung Al Ahram und pflasterte ihre Aufschlagseite mit Fotos des verehrten Kreml-Idols – mal mit nacktem Oberkörper und Jagdgewehr in der Hand, mal in Pilotenuniform oder beim Drachenfliegen, mal beim Pistolenschießen und Karatetraining oder im fürsorglichen Gespräch mit betagten russischen Bürgern. Der Mann aus Moskau, der wegen des Ukrainekonflikts ganz Europa in Atem hält, ist so ganz nach dem Geschmack der neuen Herren Ägyptens: Er bietet dem Westen die Stirn, strahlt Machtwillen und Chauvinismus aus und schert sich nicht um Menschenrechte, Justizwillkür und Polizeiexzesse.

Zwei Tage besucht Putin das Land am Nil, bevor er am Mittwoch nach Minsk zum Ukraine-Gipfel reist. Am Abend begleitet der Gastgeber, Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi, ihn ins Opernhaus zu Tschaikowskys Schwanensee, dem sich auch ein Akt aus Aida anschließt. Das ist die 1871 in Kairo uraufgeführte Pharao-Oper Verdis, die das musiksinnige Ägypten quasi als eigenes Nationalepos adoptiert hat. Am Dienstag reist Putin weiter nach Scharm al-Scheich ans Rote Meer, wo Ägypten Mitte März seine internationale Investorenkonferenz ausrichten will, und wo sich seit dem Ausbleiben westlicher Touristen vor allem russische All-Inclusive-Badegäste tummeln. Von den zehn Millionen Russen, die 2014 ins Ausland reisten, machten allein drei Millionen Billigurlaub in Ägypten.

Für beide Seiten ist der Staatsbesuch ein politischer Gewinn. Wladimir Putin, der erste G-8-Staatschef, der sich nach Al-Sissis Putsch Mitte 2013 in Kairo blicken lässt, kann demonstrieren, dass er diplomatisch keineswegs isoliert und nach wie vor ein gefragter Weltpolitiker ist. Zudem bieten sich Russland angesichts der westlichen Sanktionen in Ägypten neue ökonomische Perspektiven, obwohl die Volkswirtschaften beider Länder momentan stagnieren. Russland ist einer der größten Getreidelieferanten für die 90 Millionen Menschen im Niltal. Seine Firmen wollen im Gas- und Ölsektor Fuß fassen. Und die Regierung in Kairo will gern einen Atomreaktor aus russischer Produktion.

Gastgeber Al-Sissi wiederum kalkuliert, durch den demonstrativen Schulterschluss mit dem Kremlchef die beinahe täglichen Mahnungen aus Europa und den USA leichter überhören zu können. Er möchte russische Investoren und Touristen nach Ägypten locken. Er braucht dringend LNG-Flüssiggas-Lieferungen für seine Kraftwerke. Auch für moderne Waffensysteme hat er eine lange Wunschliste – angefangen von MiG-29 Jägern über Mi-35 Kampfhubschraubern bis hin zu Luftabwehrraketen.  

Starke Beziehungen

Die 3,5 Milliarden Dollar hohe Rechnung kann Ägypten nicht selbst begleichen, es fehlt an Geld. Einspringen sollen die Saudis und Emiratis, die Ägyptens Post-Mursi-Regime bereits mit etwa 20 Milliarden Dollar unterstützten. Einen Tag vor der Putin-Visite versuchte Al-Sissi dann auch in einem Telefonat mit dem neuen König Salman in Riad die Stimmung zu heben – zumal angeblich interne Tonbandmitschnitte über einen Islamistensender verbreitet worden waren, in denen sich Al-Sissi und seine Berater ausgesprochen abfällig über die Golfstaaten äußern. "Die Beziehungen zwischen den beiden Nationen sind zu stark, um beschädigt zu werden", versicherte der König nach Angaben von Al Arabiyya dem öffentlich düpierten Ex-Feldmarschall Al-Sissi.

Putins Besuch könnte das Machtgefüge in der arabischen Welt verändern. Er könnte Russland mit der Zeit wieder als wichtigen Machtfaktor im Nahen Osten etablieren, wie einst die Sowjetunion in den sechziger und siebziger Jahren. "Putin macht sich Unklarheiten und Widersprüche der westlichen Politik gegenüber dem Nahen Osten zunutze", analysiert Anna Borshchevskaya von der Denkfabrik The Washington Institute. Es sei richtig, dass Obamas Regierung den "demokratischen Rückschlag Ägyptens" kritisiere, schreibt die Wissenschaftlerin. Nachdem die Regierung in Washington auch die Militärhilfe gestoppt habe, sei dem Verbündeten signalisiert worden, man entziehe ihm die Unterstützung. "Solange diese Politik gegenüber Ägypten weiter gilt, öffnet sie die Tür für Putin und andere antiwestliche Kräfte zu Lasten Amerikas."