Saakaschwili: Klar tut es weh. Ich kann nicht in mein Heimatland reisen. Aber die Wahrheit ist, dass Georgien unter meiner Führung zu einem der Länder mit der geringsten Korruption in ganz Europa geworden ist. Die Wirtschaftskraft hat sich fast verdreifacht. Die Menschen werden die Wahrheit verstehen, das politische Verfahren wird ins Nichts führen.

ZEIT ONLINE: Ist es in der Ukraine möglich, Reformen durchzuführen, wenn ein Krieg im Land tobt?

Saakaschwili: Das ist genau der Zeitpunkt, zu dem es getan werden muss. Der wahre Kampf wird nicht um Geländegewinne geführt, sondern um eine florierende Gesellschaft und Wirtschaft. Die Ukraine muss das neue Westdeutschland werden. So wie sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, so eifrig müssen jetzt Reformen hier angestoßen werden.

ZEIT ONLINE: Die Ukraine ist quasi pleite. Die Männer werden reihenweise eingezogen. Und Sie sprechen von Reformen?

Saakaschwili: Exakt. Die Ukraine ist ein riesiges Land. Wenn es die Korruption bekämpft, können der Westen oder Kiew mit seiner Wirtschaftskraft auch dem Osten helfen. In Georgien haben wir mit den Reformen auch begonnen, als Russland unser Land bombardierte und viele Handelsschranken erließ. Es hat uns motiviert, schneller zu reformieren.

ZEIT ONLINE: Als Debalzewe fiel, saßen Sie mit Poroschenko zusammen und haben beraten. Wird er den Kriegszustand ausrufen?

Saakaschwili: Was würde es bringen, wenn er jetzt sagt: Wir sind alle im Krieg? Wenn er den Kriegszustand für das ganze Land ausruft, werden die Menschen in Kiew dennoch weiterleben, zur Arbeit und in Restaurants gehen. Es ist ein altmodisches Werkzeug, er kann auch ohne eine komplette Kriegserklärung mehr Männer einziehen lassen.

ZEIT ONLINE: Poroschenko steht durch die Verluste im Krieg innenpolitisch unter Druck. Dazu kommt, dass er mit Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj umgehen muss.

Saakaschwili: Poroschenko ist sehr realistisch. Ich kenne ihn seit 1986, wir haben zusammen hier in Kiew studiert, er Wirtschaft, ich Recht.

ZEIT ONLINE: Später wurde er Oligarch, Sie Präsident.

Saakaschwili: Ja, bei mir hat es zum großen Geld nicht gereicht. Nein, im Ernst: Er ist ein guter Geschäftsmann gewesen, hat seine Schokoladenfirma aufgebaut, aber als richtigen Oligarchen, der staatliche Industriezweige kontrollierte, würde ich ihn deshalb nicht bezeichnen. Auch jetzt, wo er im Amt ist, versucht er nicht Geschäfte an sich zu reißen. Es geht ihm um Reformen für die Ukraine. Und er versucht alles, um Frieden mit Putin zu erreichen. Nach den ersten Wochen des Konflikts im Osten war er wirklich davon überzeugt, mit Putin einen Plan für Frieden entwerfen zu können. Da seien viele Möglichkeiten für einen Kompromiss, dachte er.

ZEIT ONLINE: Und Kolomojskyj?

Saakaschwili: Ich habe Kolomojskyj einmal getroffen, seit ich in Kiew bin. Er ist der einzige verbliebene Oligarch, die anderen sind sehr schwach derzeit. Aber er steht auf Kriegsfuß mit der Regierung. Das kann man daran sehen, wie seine Fernsehsender dieser Tage über den Präsidenten berichten: negativ oder gar nicht. So ist das mit den reichen Oligarchen, sie wollen immer mehr, immer mehr … Wenn die Regierung dann eine rote Linie zieht, kämpfen sie gegen die gewählten Volksvertreter. 

ZEIT ONLINE: Das macht die Lage in der Ukraine nicht leichter.

Saakaschwili: Aber es ist nicht alles verloren. Sogar Putin hilft der Ukraine in gewisser Weise. Durch den Krieg haben die Menschen hier Verständnis dafür, dass die Wirtschaft schrumpft, dass Reformen noch nicht umgesetzt sind. Ohne den Krieg würden sich die Ukrainer viel lauter über die Schwäche der Währung Hriwnja beschweren. 

Putin lässt übrigens auch die Lüge verbreiten, die CIA hätte die Revolution organisiert und scheinbar glaubt er selbst, er kämpfe in der Ukraine schon gegen die USA. Das Problem ist nur, dass die USA davon noch nichts wissen. Die CIA war eine der letzten Organisationen, die von der Revolution am Maidan vor einem Jahr erfahren haben.