Seit der Krim-Annexion ist das Leben vieler Familien in Russland nicht mehr wie früher. Allein dieser Satz kann eine weitere Schlacht im Bruderkrieg mit Worten auslösen, der seit März vergangenen Jahres in Russland tobt. Schließlich wurde die Krim nicht annektiert, das ist westliche Propaganda!

In diesem Krieg der Worte sterben keine Menschen, deshalb ist er nicht vergleichbar mit dem Krieg, der im Osten der Ukraine herrscht. Doch auch Worte können wehtun, vor allem wenn sie von nahestehenden Menschen kommen.

"Ich verlasse manchmal mein Elternhaus und komme erst zwei Wochen später wieder zurück", sagt Olga, 26, die dienstlich zwischen Russland und Deutschland pendelt. Anschließend gebe es in der Familie eine Weile lang Waffenruhe. Solange, bis ein neuer Bericht der russischen Fernsehsender Perwij Kanal oder Rossija 1 sie wieder zunichte macht.

Riss zwischen Eltern und Kindern

Die staatlichen russischen Medien, sagt Olga, sind schuld daran, dass viele Russen so aggressiv auf jede Kritik reagieren. In der Tat haben die westlichen Sanktionen, anders als erhofft, die Stimmung in der russischen Gesellschaft nicht gegen Wladimir Putin aufgebracht, sondern dessen Position gestärkt. Das von der Propaganda geschaffene Feindbild ist der wichtigste Grund dafür: In der "belagerten Festung" Russland gelten alle Andersdenkenden als Verräter und "fünfte Kolonne". 

Auch wenn es sich um Verwandte handelt. Die Front verläuft oft zwischen der fernsehenden Elterngeneration und deren internetaffinen Kindern. So erlebte es der 24-jährigen Farhad, der in Sankt-Petersburg Management studiert. Immer wieder stritt er mit seinem Vater, der im westsibirischen Omsk lebt, über Skype. Die Wortgefechte begannen im März 2014, das Unverständnis zwischen den beiden schmerze Farhad besonders, weil es der einzige nahe Verwandte war, die Mutter war vor einigen Jahren gestorben. Nach der Krim-Annexion war der Vater zum Putin-Fan geworden, obwohl er von dessen Politik früher nicht begeistert gewesen war. Erst Ende 2014 begann er zu erkennen, dass im Gesamtbild, das das russische Fernsehen verfocht, etwas nicht stimmte. Die Rubelkrise öffnete ihm die Augen: Als Kleinunternehmer spürte er die große Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit der Regierung gegenüber dem Volk am eigenen Leib.